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Opernführer für
Anfänger
Die
Welt der Opern verständlich erklärt
von Petra Roeder |
Der aktuelle Titel von Petra Roeder im Verlag Jörg Dendl:
| Inhalt | |
| I. | Aida von Giuseppe Verdi |
| II. | La Bohème von Giacomo Puccini |
| III. | Carmen von George Bizet |
| IV. | La Didone von Francesco Cavalli |
| V. | Dido und Æneas von Henry Purcell |
| VI. | Die Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart |
| VII. | Die Kluge von Carl Orff |
| VIII. | Mathis der Maler von Paul Hindemith |
| IX. | l´Orpheo von Claudio Zuan Antonio Monteverdi |
| X. | Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Ritter von Gluck |
| XI. | Pierrot lunaire von Arnold Schönberg |
| XII. | Rinaldo von Georg Friedrich Händel |
| XIII. | Le Rossignol von Igor Fjodorowitsch Strawinsky |
| XIV. | Das Schloß von Aribert Reimann |
| XV. | Ein Sommernachtstraum von Benjamin Britten |
| XVI. | Tristan von Richard Wagner |
| XVII. | Wozzeck von Alban Berg |
| XVIII. | Die Hamlet-Maschine von Wolfgang Rihm |
von Giacomo Puccini
Puccini lebte von 1858 bis 1924, also Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.
Die mitwirkenden Personen seiner Oper sind:
Mimì, Musette, zwei
Frauen,
Rodolfo, Dichter,
Marcello, Maler,
Schaunard, Musiker,
Colline, Philosoph,
Parpignol, Händler oder
Kaufmann,
Benoit, Vermieter,
Alcindoro, Staatsrat,
ein Zöllner,
ein Sergeant der
Zollwache.
Außerdem spielen
Studenten, Bürgerinnen und Bürger und Soldaten mit.
Die Handlung spielt um 1830 in Paris, an Weihnachten beginnend. Genauer Ort in Paris ist das so genannte Quartier Latin, ein Viertel, in dem vor allem Künstler und Studenten lebten.
Die Handlung ist beeinflusst von einem Roman Henri Murgers, der 1851 gedruckt worden war. Der Begriff Bohème geht auf ”Bohémien” für ”Böhme, Zigeuner” zurück. Studenten, Künstler, alle, die nicht nach bürgerlichen Vorstellungen lebten, aber von den Bürgern der Jahrhundertwende aufgrund ihrer Kunstwerke und Bücher verehrt wurden, sind Bohémiens.
Puccini hat mit dieser Oper etwas neues geschaffen. Einzelereignisse und die Empfindungen der handelnden Personen stehen im Vordergrund, nicht eine durchgehende Handlung. So wurde ”La Bohème” lyrische Oper und nicht dramatische Oper genannt. Dramatische Oper kommt von Drama, das ist Handlung, Geschehen. Lyrik dagegen ist persönliches Erleben, Gefühl. Jede auftretende Person wird musikalisch beschrieben und erhält durch die Musik einen bestimmten Charakter. Außerdem werden mit der Musik der jeweilige Raum, in dem die handelnden Personen sind, und Ereignisse in dem Raum beschrieben. Aber nicht durch eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Gegenstände, sondern durch Momentaufnahmen der Stimmung, die in dem Raum vorhanden ist. Du kennst solche Momentaufnahmen auch. Manchmal kommst Du nach Hause und weißt sofort: hier ist Ärger und Stress angesagt. Oder Freude. Um solche Momentaufnahmen zu erreichen, musste Puccini einiges ändern, das bislang für Komponisten üblich war. Seine Neuerungen sind: unruhiger, sich ständig ändernder Rhythmus, kein erkennbares Metrum, sich ständig ändernde Tonart. Rhythmus ist die Folge von Notenwerten, Viertel-Achtel-Achtel-Viertel - lang-kurz-kurz-lang - zum Beispiel. Metrum ist die Folge von betonten und unbetonten Takten. Es gibt verwandte Tonarten, Tonarten die zusammengehören und zwischen denen gewechselt werden kann, ohne dass es fremd wirkt. Puccini wechselt die Tonarten aber ohne das Verwandtschaftsverhältnis. Und er wechselt die Tonart plötzlich. Es ist also nicht möglich zu sagen, der Teil steht zum Beispiel in C-dur und der Teil in A-dur. Aber nur so kann er Gefühle ausdrücken, die sich sehr schnell ändern. Es gibt bei Puccini Themen und Motive, die für ein bestimmtes Gefühl und für eine bestimmte Situation stehen. Als Erinnerung für das Gefühl und für die Situation kommen sie immer wieder. Erinnerungsmotive also. Die Themen und Motive werden aber auch zerteilt und neu zusammengesetzt. Wie bei einem Mosaik. So werden Splitter eines Gefühles mit einem anderen Gefühl verbunden und ergeben eine neue Momentaufnahme. Arien und Rezitative findest Du bei La Bohème nicht, das war insgesamt für die Oper nicht mehr üblich.
Es ist kurz vor Weihnachten. Marcello, Rodolfo, später auch Colline, sind hungrig im ungeheizten Zimmer zusammen. Arbeiten ist durch Hunger und Kälte nicht mehr möglich. Die Freunde nehmen ihre Armut gelassen und humorvoll. Mit viel Witz wird ein Drama Rodolfos verbrannt, um wenigstens ein bisschen Wärme zu erleben. Dann kommt Schaunard, der durch einen interessanten Auftrag zu Geld gekommen ist. Er wurde gebeten, durch sein Musizieren den Papagei des Nachbarn zu Tode zu bringen. Die vier Freunde teilen alles und freuen sich, als hätten sie die größten Reichtümer der Welt gewonnen. In die Begeisterung kommt der Vermieter, der an die noch nicht bezahlte Miete erinnern will. Die Freunde bitten ihn, sich zu setzen und ein Glas Wein zu trinken. Schnell ist Benoit leicht betrunken und redefreudig. Die Freunde haben nur ein Ziel: zu erreichen, dass sie keine Miete zahlen müssen. Sie erreichen das auch sehr geschickt. Man hat Benoit in Gesellschaft einer jungen, attraktiven Dame gesehen. Aber er ist zum einen ein alter Herr und zum anderen verheiratet. So können die Freunde die moralisch Entrüsteten spielen, ihren Vermieter unter Schimpf und Schande hinauswerfen und müssen keine Miete bezahlen, denn ihr Vermieter ist erpressbar geworden.
Die Freunde beschließen, Essen zu gehen. Rodolfo bleibt in der kleinen Wohnung zurück, weil er noch etwas schreiben muss. Seine Wohnungsnachbarin Mimì - eigentlich heißt sie Lucia - klopft an die Tür. Ihre Kerze ist ausgegangen, ob Rodolfo sie wieder anzünden kann. Die Hausflure waren früher ohne Licht. Um etwas sehen zu können, die Tür aufschließen zu können, hatten die Menschen Kerzen. Mimì ist krank, heute nennt man ihre Krankheit Tuberkulose, ausgelöst zum Beispiel durch feuchte und kalte Wohnräume. Arme Menschen waren oft daran erkrankt. Zum einen, weil sie sich oft kein Brennmaterial für ihre Wohnungen leisten konnten, zum anderen, weil man sie in feuchten und zugigen Wohnungen wohnen ließ. Treppensteigen belastet Mimì sehr. Und sie und Rodolfo wohnen ganz oben im Haus. So sinkt sie zunächst einmal ohnmächtig um. Rodolfo hilft ihr und verliebt sich in sie. Ihm bleibt nicht verborgen, dass sie sehr krank ist. Mimì scheint das nicht zu wissen. Als es Mimì besser geht und ihre Kerze angezündet ist, lässt sie ihren Schlüssel liegen. Rodolfo lässt ihn schnell verschwinden, außerdem lässt er auch seine Kerze ausgehen. Im dunklen Raum suchen die beiden nach Mimìs Schlüssel und nutzen die Möglichkeit, sich zu berühren. Als Liebespaar verlassen sie den Raum und treffen auf Colline, Marcello und Schaunard.
Zusammen gehen sie in das Viertel, in dem sich vor allem Bohèmiens aufhalten. Auch Händler und Kaufleute versuchen hier ihr Glück. Ein buntes, lautes Treiben. Die vier Freunde und Mimì kaufen, bummeln, fühlen sich wohl und landen schließlich im Café Momus um zu essen. Ungewöhnlich ist für uns der Tonfall, in dem mit den Kellnern gesprochen wird. Um die Jahrhundertwende noch waren das Menschen dritter Klasse, Menschen die nichts zu sagen aber zu arbeiten hatten. Musette und Alcindoro kommen dazu, setzen sich an den Tisch neben die Freunde. Musette ist Marcellos Liebe. Sie halten es allerdings nicht lange miteinander aus. Alcindoro läuft Musette nach, völlig in sie verliebt und bereit, alles für sie zu tun. Musette aber spielt mit ihm nur. Sie nennt ihn Lulu. Ihm ist ihr Verhalten peinlich, seine Melodie ist verhalten. Musette dagegen spielt. Marcello versucht, Musette nicht zu beachten und brabbelt vor sich hin. Sie legt alles darauf an, dass er sie beachten muss. Schließlich schickt sie Alcindoro weg, ihr neue Schuhe zu kaufen und schließt Marcello in ihre Arme. Marcello liebt sie noch immer und sie ihn auch. Nur können sie eben nicht lange zusammenleben. Die kleine Gruppe, die vier Freunde mit Mimì und Musette, verlässt das Viertel und hinterlässt Alcindoro die Rechnungen ihres Essens.
Mimì und Rodolfo halten es auch nicht lange miteinander aus. Rodolfo ist zu Marcello und Musette gegangen, die einen Auftrag außerhalb von Paris ausführen. Aber auch Mimì verspricht sich von Marcello Hilfe. Auch sie kommt zu der Gaststätte, in der Musette singt und Marcello malt. Marcello soll den unglücklich Liebenden Rat geben. Rodolfo verrät Marcello den wahren Grund, weshalb er mit Mimì nicht zusammen sein kann: er verschlimmert durch seine Armut Mimìs Krankheit. Mimì erfährt erst jetzt, wie schlimm es ihr geht. Und sie akzeptiert das Getrenntsein von Rodolfo.
Marcello und Rodolfo sitzen in der Dachwohnung zusammen. Diesmal sind ihre kaputten Beziehungen der Grund, weshalb sie nicht arbeiten können. Sie trauern ihren Partnerinnen nach. Colline und Schaunard tragen wenig zur Verbesserung ihrer Stimmung bei. Und dann kommen die geliebten Frauen in die kleine Wohnung. Dem Sterben nahe hat Mimì Musette gebeten, sie zu Rodolfo zu bringen, was diese auch getan hat. Und sie tut noch mehr: sie gibt ihren Schmuck, um für Mimì Arznei und Arzt holen zu können. Colline gibt seinen Mantel in der gleichen Absicht. Aber für Mimì kommt jede Hilfe zu spät. im Kreis der vier Freunde und in Anwesenheit von Musette, die die Arznei zubereitet, stirbt sie.
Die vier Freunde machen sich gegenseitig groß und genial. Witz, Intelligenz, Humor und Schlagfertigkeit fehlt keinem. Mit ihrer Armut gehen sie gelassen um, mit erarbeitetem Geld so, als könnten sie sich alle Tage ein reiches Leben leisten. Mit ihrem Alltag also kommen sie allerbestens klar, mit Liebe, Krankheit und Tod dagegen überhaupt nicht. Das wirft sie aus der Bahn, weil das nicht einfach zu durchschauen ist. Für die Liebe haben sie vor allem beißenden Spott übrig, obwohl sie sich alle nach einer festen und gesunden Partnerin sehnen. Zur bürgerlichen Ehe aber eignen sie sich nicht und die Jahrhundertwende kannte keine andere Möglichkeit.
Mimì ist eine Näherin, einsam, verträumt, todkrank. Sie träumt von einem besseren Leben und von der großen Liebe, ist aber auch nicht in der Lage, ihre Träume zu verwirklichen. Sie ist zu schwach und zu lebensunerfahren dazu. Von ihrer Krankheit weiß sie nicht sehr viel. Für sie scheinen die häufigen Schwächeanfälle und der Husten normal zu sein. Und sie hat zu wenig Kontakt zu anderen, um aus ihrer Unerfahrenheit herauszukommen.
Musette ist schön und weiß das auch. Sie spielt mit ihrer Wirkung auf Männer. Im entscheidenden Moment aber zeigt sie ihr goldenes Herz und beweist ihre zuverlässige Freundschaft. Sie hat - ganz im Gegensatz zu ihrer sonstigen Schönheit - eine etwas unschöne Stimme, weshalb sie den Namen Musette, das heißt Dudelsack, erhalten hat.
Benoit ist eigentlich ein braver Bürger, der aber dümmlich in jede Falle der Bohèmiens tappt. Er hält sich für einen tollen Hecht und wird genau dadurch erpressbar und verliert seinen Anspruch auf die Miete der Bohèmiens.
Alcindoro ist aufgeblasen und eitel. Und fühlt sich wesentlich jünger als er ist. Er glaubt, er könne der wirklich jungen Musette den Hof machen, das heißt ihr nachlaufen. Er besteht auf gutes Benehmen und hat Angst davor, zum Gespött der Leute zu werden. Das allerdings hat er bereits erreicht, weil er Musette nachläuft. Musette zeigt ihm deutlich, dass sie ihn albern findet. Er findet ihr Verhalten peinlich und kann dennoch nicht anders als mitzuspielen.
von Paul Hindemith
Hindemith lebte von 1895 bis 1963, also im 20. Jahrhundert.
Die Mitwirkenden seiner Oper sind:
Mathis, ein Maler im Dienst des Kardinals von Mainz
Schwalb, ein Bauer und ein führender Aufständler
Regina, seine Tochter
Sylvester von Schaumburg, ein Offizier des Truchseß
Erzbischof Albrecht, Kardinal und Erzbischof von Mainz
Riedinger, ein reicher Bürger aus Mainz und Anhänger
Luthers
Ursula, seine Tochter
Capito, Rat des Kardinals und Anhänger Luthers
von Pommersfelden, Domdechant von Mainz
Truchseß von Waldburg, Befehlshaber über die Heere
gegen die Bauern
Der Graf von Helfenstein, stumme Rolle
Der Pfeifer des Grafen
Gräfin Helfenstein.
Außerdem Reiter, Bürger, Geistliche, Studenten, Dienerschaft, Landsknechte, Bauern.
Die Oper spielt zur Zeit des Bauernkriegs um 1524 bis 1526, das letzte Bild etwas später, in und um Mainz.
Hindemiths Musik ist einerseits ansprechender Klang,
der ungeachtet der Vorbildung die Herzen der Zuhörer erreicht und
andrerseits ein komplexes Gebilde verschiedener Formelemente, die er
aus vielen Jahrhunderten Musikgeschichte zusammengetragen hat. Seine
Oper ist eng verknüpft mit dem Gemäldekomplex Isenheimer
Altar. Der Schöpfer des Altars, Mathis Grünewald, ist die
Hauptperson der Oper, außerdem werden drei Bilder des Altars
szenisch in die Oper aufgenommen: das Engelkonzert aus dem
Weihnachtsbild, damit wird die Oper eingeleitet, die Versuchung des
heiligen Antonius' und der heilige Antonius beim Einsiedler Paulus.
Diese beiden Bilder werden im sechsten Bild der Oper umgesetzt. Der
Isenheimer Altar war vor den Bauernkriegen gemalt worden. Dennoch
gestaltet Hindemith die Entstehungsgeschichte des Gemäldekomplexes
während der Bauernaufstände.
Das Engelkonzert bildet das Vorspiel der Oper. Im Gemäldekomplex
eingebettet in die Verkündigung der Geburt, die Auferstehung und
die Geburt Christi singen drei Engel zur Ehre Gottes, sich auf
Instrumenten begleitend. 1605. etwa hundert Jahre nach Fertigstellung
des Isenheimer Altars, wurde in Mainz das Lied "Es sungen drei Engel
ein' süßen Gesang, der in dem hohen Himmel klang"
geschrieben. Die Melodie dieses Liedes greift Hindemith in seiner Oper
auf. Zunächst natürlich im Engelkonzert. Und wieder ist ein
Bezug der Oper zum Leben des Malers Mathis Grünewald hergestellt,
wenn auch aus einer späteren Zeit gegriffen.
Eingebettet in einen schwebenden Klang, der durch lange Notenwerte und
viele Überbindungen erreicht wird, spielt die Posaune, das
biblische Instrument der Engel, das Lied "Es sungen drei Engel". Eine
Überbindung bedeutet, dass zwei Noten durch Bindestrich oder
Bindebogen aneinander geknüpft sind. Ist es die gleiche
Tonhöhe, die angeknüpft ist, verlängert sich der
Notenwert entsprechend.
Die Trompeten greifen das Lied der Posaune auf. Die Trompete hatte im
Heer Signalfunktion. Und tatsächlich signalisiert sie auch hier
einen Wechsel. Das Schwebende der Musik wird verlassen, die Musik
belebt sich, als ob die Engel die bewegte Geschichte der Oper textlos
vorerzählen. Erst in den allerletzten Takten des Vorspiels kehrt
die schwebende Ruhe wieder ein durch den langgezogenen Schlussakkord.
Fast wie bei Ravel und Debussy flimmern die Streicher mit ihren Tremoli
- das sind rasche Wechsel zwischen zwei Tönen - die Mittagshitze
vor, in der Mathis Grünewald den Durchgang eines Antoniterhofs am
Main ausmalt. Die Antoniter sind ein Bettelorden, die auch hautkranke
Menschen, die an dem sogenannten Antonius-Feuer - der
Mutterkornvergiftung - litten. Der Antoniterhof, den Mathis ausmalt,
gehört zum Erzbistum Mainz. Mathis unterbricht seine
Malertätigkeit. In raschen Wechseln, unstetem Rhythmus
überdenkt er alle Pläne und Ideen, die er für sein Leben
hat, ohne sich festlegen zu können. Die Musik bleibt ebenfalls
ohne Festlegung. Voller Zweifel steigert er sich zu der Frage, ob er
erfüllt habe, was Gott ihm aufgetragen hat. Der Sinn und Zweck
seiner Arbeit ist ihm offenkundig nicht mehr bewusst, ebenso wenig
seine Motivation, weshalb er malt. Die mittägliche Andacht der
Antoniterbrüder unterbricht seine Unruhe. Zu einem rhythmisch
etwas unregelmäßigen Gesang stolpern die Mönche in die
Kirche zum Mittagsgebet. Mathis kommt nicht zur Ruhe, er hastet unruhig
weiter in seinen Gedanken.
Erst als Schwalb verletzt auftaucht, ist jedes Grübeln für
Mathis zu Ende. Hier holt ihn die Realität ein in
gleichmäßigem Metrum, aus dem Schwalb in seiner Todesangst
ausbricht. Schwalb kommt erst zur Ruhe, als Mathis ihm erklärt,
dass er im Antoniterhof sicher ist. Jetzt kann er sich auf langen
Notenwerten ausruhen, getragen von einem friedlichen Klangteppich.
Regina, Schwalbs Tochter, berichtet Mathis von den Verfolgungsjagden,
weil sie sich für die Rechte der Bauern einsetzen.
Mathis versucht, die aufgeregte Regina zu beruhigen, so wie er Schwalb
beruhigt hat. Regina wäscht sich am Brunnen der Antoniter und
singt dabei ein Lied. Wieder hat Hindemith ein Lied aus der frühen
Neuzeit in seine Oper eingeflochten. Mathis bringt Regina zum
Träumen. Die Begleitung durch das Orchester wird weich und viele
überbindungen verschleiern das Metrum. So wird selbst der Bericht,
woher sie und ihr Vater kommen, zum nachdenklich-besinnlichen Bericht.
Schwalb unterbricht seine Tochter so gehetzt wie zu Beginn und in
harten Klängen. Voller Misstrauen gegen Mathis stellt er dessen
Tun in Frage. Und trifft damit exakt Mathis´ Selbstzweifel.
Mathis wird wieder unruhig, suchend, fragend. Aber nicht hart. Er ist
schließlich mit Schwalb einer Meinung, dass es viele
Möglichkeiten gibt, Gutes zu tun. Regina ändert das beinahe
hymnische Duo von Schwalb und Mathis, in dem sie durch die
ständige Wiederholung einer kurzen Tonbewegung die nahende Gefahr
einhämmert. Mathis lässt sich nicht anstecken, er weiß
jetzt, was er zu tun hat. Aufstrebende Melodieführung und der
Rhythmus Viertel-Achtel - Viertel-Achtel in einem Dreier-Metrum zeigen
seine Gewissheit. Viertel und Achtel sind Notenwerte, ein Metrum ist
die Abfolge von Schwer und Leicht, ein Dreier-Metrum bedeutet drei
Abfolgen, z.B. schwer-leicht-schwer oder schwer-leicht-leicht. Drei war
im Mittelalter eine göttliche Zahl. Der Rhythmus Viertel-Achtel -
Viertel-Achtel ist der Grundrhythmus vieler mittelalterlichen
Gesänge zu frohen Anlässe.
Die Überzeugung, zu der Mathis gekommen ist, ist für und mit
den Bauern zu kämpfen. Als erstes hilft er Schwalb und seiner
Tochter zur Flucht.
Die Biographien über Mathis Grünewald können seine
direkte Verwicklung in die Bauernaufstände nicht nachweisen, es
scheint aber sehr wahrscheinlich.
Sylvester, der Schwalb gejagt hat und zunächst die
Antoniter-Mönche zur Verantwortung für Schwalbs Entkommen
ziehen will, ist ziemlich irritiert über Mathis, der die
Antoniterbrüder verteidigt und offen zugibt, Schwalb geholfen zu
haben. Seine Frage, wer Mathis ist, steht ohne instrumentale Begleitung
offenda. Das Fragezeichen ist zu hören, während Sylvesters
vorherige Aussagen harte Befehle waren. Mathis ist ruhig. Er weiß
mittlerweile, wo sein Platz ist. Und offenkundig kennt er seinen
Arbeitgeber gut genug, um von ihm Rückendeckung erwarten zu
können. Und doch bleibt alles offen und kann sich jederzeit gegen
Mathis wenden. Das weiß er. Die Instrumente schweben über
dem Metrum durch überbindungen und Mathis bricht durch Duolen
ebenfalls aus dem Metrum aus. Duolen sind drei Notenwerte, die in die
gleiche Notenlänge wie zwei Notenwerte gepresst werden.
Sylvester verlässt Mathis mit seinem üblichen Pomp.
In Mainz herrscht buntes Treiben. Die neuen Lehren Luthers haben die
Bevölkerung aufgewühlt, verunsichert, entzweit. Auch die
Musik Hindemiths gibt das Durcheinander wieder, jede Gruppe hat ihren
eigenen Charakter, was Artikulation, Rhythmus, Tonbewegung anbelangt.
Zunächst stellen sich alle Gruppen vor: die Katholiken bringen
einerseits alles auf den Punkt, in dem ihre Instrumentalbegleitung
taktweise und stimmenweise einen Ton wiederholt, andrerseits haben sie
noch genug Phantasie und geistigen Spielraum, um Töne umspielen
lassen zu können. Die Protestanten stellen alles in Frage, ganz
ihrem Namen entsprechend, der direkt der Protestbewegung entnommen
worden ist. Sie wandern ziellos von Ton zu Ton, dreschen bei Bedarf und
je nach Wirksamkeit die vorangegangene Phrase noch einmal durch,
fokusieren dann einen Tonausschnitt, kauen den bis zum Abwinken durch
und kommen doch zu keinem klaren Zielton. Die Humanisten und Studenten
versteifen sich über Takte auf einen Ton und beharren darauf
rechthaberisch, gelegentlich brechen sie durch lebendigere Notenwerte
und klangvolles Gestalten der sonst einstimmigen Begleitung in eine
phantasievollere Welt aus.
Nach dem sich alle Gruppen vorgestellt haben, fallen sie über
einander her. Auch die Frauen erreichen keine Versöhnung. So kommt
der Kardinal mitten in die Streitsituation. Seine Begrüßung
trieft von Ironie. Vor allem das Orchester scheint schallend zu lachen.
Ironisch, getragen vom gleichen lachenden Rhythmus haha, bleibt auch
die Erklärung zu der mitgebrachten Reliquie. Durch die kurzen
Notenwerte erhält es auch etwas Aufgeregt sein, und durch die
vielen überbindungen, in denen der Kardinal singt, wird das ganze
sehr unstet, unklar. Hindemith zeigt hier durch seine Musik einen hin-
und hergerissenen Kardinal, der sich sehr wohl im Klaren darüber
ist, dass er die Unruhen in seinem Gebiet, die durch die Reformation
Luthers und die Bauernunruhen begannen, nicht glätten kann.
Dennoch knien alle vor der mitgebrachten Reliquie des heiligen Martin
nieder, jedes Lachen, aber nicht jedes Herzklopfen, doch jede
Unklarheit, alles Unstete, ruht beim Anblick der Reliquie. Dann aber
kommt die Unruhe wieder auf. Die religiösen Parteien nehmen wieder
jede für sich Stellung zu der Reliquie und fallen handgreiflich
übereinander her.
Alle Ironie, alles Herzklopfen, jeder Streit ist vorbei, als der
Kardinal in seinen Räumlichkeiten ist. Sein Domdechant, sein Rat,
Riedinger, dessen Tochter und später Mathis sind hier versammelt.
Die Beziehung zwischen Riedinger, Ursula und dem Kardinal ist eine
herzliche, besondere, das Verhältnis zwischen Mathis und dem
Kardinal ist ungetrübt, klar, herzlich. Eine klare
Melodieführung, deutlicher Rhythmus, sonnige Stimmung - also keine
dick aufgetragene, sondern eher spärliche Begleitung,
Tonumspielungen etc. sprechen dafür. Die Personen, die beim
Kardinal versammelt sind, haben alle nur ein Anliegen: Seelenfriede zu
finden. Und alle haben sie eine ganz persönliche Sehnsucht, einem
bestimmten geliebten Menschen näher kommen zu können. So
flattert z.B. Ursulas Herz beim Eintritt von Mathis, wie die
Streichinstrumente mit ihren Tremolie verraten.
Pommersfelden wendet die intime Sphäre, die in dem Gespräch
zwischen Riedinger, Ursula, Kardinal Albrecht und Mathis entstanden
war. Es wird gefährlich still, einzelne Herzklopfer untermalen die
Drohung, die von Pommersfelden ausgeht. Er kündet Kardinal
Albrecht den Sturz an, weil er sich zu offen und wohlwollend gegen die
Anhänger Luthers verhält. Die ketzerischen Schriften des
Augustiner-Eremiten Luther, die auch in Mainz schon weite Kreise
gezogen haben, müssen verbrannt werden. Hastig, nervös
verteidigt sich Kardinal Albrecht. Und beugt sich dem Willen
Pommersfeldens, er lässt die Bücher Luthers verbrennen.
Allerdings stellt ihn das vor das Problem, dass die Mainzer Bürger
ihm dann kein Geld mehr geben, das auch an Mathis für dessen Kunst
gebraucht wird. Das Dilemma für Kardinal Albrecht ist: entweder
selbst zu fallen, oder die Mainzer Bürger zu verlieren. In jedem
Fall ist auch Mathis der Leidtragende, weil er entweder seinen
Auftraggeber oder seine Bezahlung verliert. Es muss sich also eine
Lösung finden. In dieser Situation trifft Sylvester ein.
Aufgeregt berichtet Mathis dem Kardinal von seinem Plan, sich mit den
Bauern für deren Rechte und Freiheit einzusetzen. Wieder steht der
Kardinal in einem fürchterlichen Dilemma: sein Freund und Maler
Mathis ist in Gefahr, hofft offen auf des Kardinals Unterstützung,
die dieser ihm nicht gewähren kann, weil er sich und alle
Anhänger Luthers dann ebenso in Gefahr bringen würde. Darum
legt er bestimmt den Status quo fest. Das Orchester trägt die
Bestimmtheit unruhig, gefährlich lauernd. Mathis begreift die
Situation nicht. Er beharrt darauf, den Bauern helfen zu wollen. Der
Kardinal wendet das Unglück mühsam ab, in dem er ein
vertrauliches Beichtgespräch eines häretischen Menschen
vortäuscht. Aber Albrecht und Mathis wechseln keine Worte mehr,
als sie allein sind. Mathis hat sich fanatisch in seine Mission
verrannt, sieht die Gefahr nicht, in die er sich und den Kardinal damit
stürzt. Der Kardinal weist Mathis stumm zurück, das ist seine
einzige Chance, dem fanatisch gewordenen Freund das Leben zu retten.
Capito schlägt eine Lösung aus dem Dilemma des Kardinals vor.
Er gewinnt Riedinger für seine Idee und das ist wichtig, denn
schließlich geht es um Riedingers Tochter und um sein Geld: um
die Anhänger Luthers in Mainz zu retten und um dem Kardinal Geld
für dessen Kunst zu geben, soll er Ursula heiraten.
Ursula steht vor einer schwierigen Entscheidung, denn sie liebt Mathis.
Er aber kann sie jetzt nicht mehr lieben, er ist von seiner Mission,
die Welt tatkräftig auf Seiten der Bauern zu verbessern statt
durch Malen, besessen. Ursula und Mathis können sich nicht mehr
verstehen. Mathis drängt Ursula, das Verborgene zu fassen und
eigene Wege zu gehen, ohne von den Plänen der Anhänger
Luthers zu wissen. Ursula ist entsetzt, entscheidet sich dann aber
für den Kardinal. Ihr Vater und die anderen Anhänger Luthers
haben von der Begegnung der beiden nichts mitbekommen.
Mathis zieht in den Krieg und muss plötzlich gegen die Bauern
kämpfen, da er deren Plündereien, Gewalt- und Greueltaten
ebenso verabscheuenswürdig hält wie zuvor das Verhalten der
Adligen gegen die Bauern. Und das rettet ihm wieder das Leben.
Während Schwalb im Kampf fällt, setzt sich die Gräfin
von Helfenstein für Mathis ein, weil er sie zuvor vor den Bauern
beschützt hat. Mathis hat nun endlich begriffen, dass seine
Bestimmung im Malen liegt, nicht im Kämpfen. Die verwaiste Regina
nimmt er mit nach Hause. Die bewegte Musik gibt Mathis' Seelenzustand
wieder und nicht das Ende des Schlachtgetümmels. Dafür
wäre die Musik insgesamt zu friedlich.
Währenddessen tobt es in der Martinsburg in Mainz, den
Räumlichkeiten des Kardinals. Harte Klänge spielen den Streit
zwischen dem Capito und dem Kardinal ein. Capito hat dem Kardinal
seinen Vorschlag zur Lösung des Dilemmas unterbreitet. Das macht
den Kardinal wütend. Das psychologische Spiel zwischen Kardinal
Albrecht und seinem Rat wird durch die Musik sehr fein ausgemalt.
Entschiedenheit, Vehemenz, Hastigkeit und überzeugung wechseln
einander ab. Capito glaubt nicht wirklich Luthers Lehre, er ist nur
dankbar, einen Kanal gefunden zu haben für seine Zweifel an der
gängigen Kirchenlehre. Der Streit flacht ab, ganz zahm einigen
sich der Kardinal und Capito, dass die erwählte Frau den Kardinal
begrüßen soll.
Das Gespräch zwischen dem Kardinal und Ursula ist nicht weniger
spannend gestaltet. Zunächst macht sich mit tiefen langen
Tönen tiefes Staunen breit und bewegt mit halbtaktig sich
wiederholenden kurzen Wendungen die Gemüter, dann pocht mit einem
durchgehenden Rhythmus dadamm - dadamm - dadamm usw. das Herz vor
Aufregung wild. Als der Kardinal Ursula schließlich erklärt,
er habe das Schauspiel durchschaut, ändert sich der Charakter.
Rasche Notenwerte und ein Triller zeigen Ursulas Zittern, der Kardinal
hat erkannt, dass sie ihn nicht liebt. Ursula steigert sich in einen
ähnlichen Eifer wie vorher Mathis. Um Luthers Lehre weiter zu
bringen, wäre sie die Ehe mit dem Kardinal eingegangen. Und sie
hält wie Mathis den Kardinal für mächtig genug, Luthers
Anhänger sicher leben zu lassen und die Glaubensstreitigkeiten im
Volk schlichten zu können. Um Friede im Volk stiften zu
können, ist sie zu diesem Opfer bereit. Aber damit erreicht sie
den Kardinal nicht. Im ruhigen, klaren Brustton der überzeugung
erklärt er Riedinger und Capito, er gebe sein Amt auf, um als
Eremit für die Welt da sein zu können. Das, was Luther
aufgegeben hat, sein Leben als Eremit, wählt der Kardinal für
sich. Vielleicht sogar stellvertretend für Luther. Ursula
wählt für sich ein Leben in der Welt, als Ledige, als Nonne
eines Bettelordens, um so für die Welt da sein zu können. Der
Kardinal segnet sie, dann trennen sich ihre Wege.
Das sechste Bild ist eine Mischung aus Handlung und Lebendigmachung von
Ausschnitten des Isenheimer Altars. Es nimmt etwa ein Viertel der
gesamten Oper ein. Sehr komplex dabei die Musik, sie gibt den
permanenten Wechsel zwischen Bilderwelt und den tatsächlichen
Handlungssträngen wieder, etwa Regina und Mathis auf dem Weg nach
Mainz, Regina in ihrem Schock über den Tod ihres Vaters.
Ständige musikalische Rückverweise an das Geschehen bis zu
den Kampfhandlungen. Schließlich können Mathis und Regina
nicht weiter, sie legen sich zum Schlafen hin, Regina singt sich selbst
zu dem Lied "Es sungen drei Engel" in den Schlaf. Die Musik
übernimmt mehr und mehr das Lied, wird schließlich
vollständig davon bestimmt. Damit wird ein Teil eingeleitet, in
dem zwei Bilder aus dem Isenheimer Altar szenisch dargestellt sind.
Diesen Teil will ich hier aussparen, er nähme zu viel Raum ein.
Hindemith hat das Meisterwerk Grünewalds ebenso meisterhaft
szenisch und musikalisch umgesetzt.
Die Handlung setzt wieder ein in Mainz. Mathis hat in einem einzigen
Schaffenswahn sich beim Malen völlig verausgabt, dass er
schließlich völlig erschöpft liegen bleibt. Regina, die
bei Mathis lebt, schläft ebenfalls. Ursula wacht über beider
Schlaf. In der Biographie endet Mathis' Schaffen mit den Bauernkriegen,
danach hat er im tatsächlichen Leben nicht wieder richtig gemalt.
Hindemith hat das etwas anders dargestellt. Mathis, der seine
eigentliche Berufung wieder entdeckt hat, hatte mit dem Schaffenswahn
nachzuholen versucht, was er durch die Teilnahme an den Kämpfen
verloren hat. Die Musik gibt mit einem kurzen Motiv über eine
Quinte etwas Endgültiges vor, die Tremoli lassen eine bedrohliche
Atmosphäre entstehen. Eine Quinte ist ein fünfstöckiger
Abstand zwischen zwei Tönen, also fünf ganze Töne
übereinander ergeben eine Quinte. Die Quinte gehört zu den
Intervallen, die über jedem Ton als sogenannte Obertöne
mitschwingen und war und ist darum ein wichtiges Intervall. Es hat
festigenden und endgültigen Charakter. Dass Ursula von Kreuzweg
und von Entscheidung auf Leben und Tod spricht, macht die Musik noch
düsterer. Das Schicksal klopft mit kurzen Notenwerten immer wieder
an. Als Regina erwacht, bleibt die lauernde, düstere Stimmung.
Regina, die vor der Kampfszene, in der ihr Vater starb, so blumig,
verträumt, verspielt war, bleibt hier sehr bedeckt, streckenweise
fast tonlos. Die Posaune beginnt, wie im Engelkonzert zu Beginn der
Oper, das Lied "Es sungen drei Engel" zu intonieren. Regina singt
schließlich dieses Lied mit abgewandelter Melodieführung
auch. Die Abwandlung steht für ihren Tod, denn mit dem Lied
beschließt sie ihr Leben.
Nach Reginas Tod gibt es nicht mehr viel zu sagen. Alles Düstere
ist vorüber, es blüht für einen Moment und bewegt die
Gemüter.
Dann kreist die Musik um wenige Töne, es ist alles entschieden,
ruhig und bestimmt. Mathis gibt sein Malerdasein auf, verlässt
Mainz und es ist abzusehen, dass auch er nicht mehr lange lebt. Sehr
ruhig und besinnlich schließt die Oper.
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von Wolfgang Rihm
Wolfgang Rihm wurde 1952 geboren.
Es spielen mit:
Hamlet - als alter Schauspieler, als Schauspieler wie Hamlet,
als Sänger -,
Ophelia,
drei Ophelia-Doubles - Marx, Lenin, Mao, die drei "nackten
Frauen" -,
eine Stimme aus dem Sarg,
vier Lachende,
drei Schreiende.
Außerdem ein vierstimmiger Chor, ein Sprechchor, Bewegungschor, Leichen, Doubles - stumme Rollen, z.B. Horatio, der "Engel mit dem Gesicht im Nacken" und weitere.
Tonband wirken mit: die Stimmen der Darsteller, Chöre - an einer Stelle mit großer Orgel -, Kinderstimmen, Geschrei - historische Aufnahmen von großen Kundgebungen, Sportplätzen, Aufmärschen, Katastrophen etc. sowohl echt als auch simuliert.
Rihms Musik kann nicht in irgendeine Tradition
gestellt werden. Und soll sie auch nicht. Wolfgang Rihm hat gesagt, das
Vorhandensein von Musik sei bereits Tradition von Musik. In der
gesamten Kunst des ausgehenden XX. Jahrhunderts zeigt sich eine
große Stilvielfalt. In der Bildenden Kunst ist die Collage eine
Paradeform zeitgenössischer Kunst und auch die Musik kann nicht
mehr nach einem Einheitsschema betrachtet werden. Also nicht mehr die
Schublade, in die eingeordnet wird und werden kann.
Für Rihm soll die Musik, die er schreibt, ein Spiegel für den
Betrachter werden, in dem er auf sich selbst stößt. Musik
soll Zustände widergeben. Und soll mit dem eigenen Ich, der
eigenen Identität konfrontieren. Es geht um das Menschliche.
Dargestellt werden soll der Mensch in seiner ganzen Menschlichkeit.
Darum können die Personen fast entmenschlicht und ohne
individuelle Persönlichkeit gezeigt werden, ohne die individuelle
Lebensgestaltung dabei zu übergehen. Der Mensch wird so allgemein
gezeigt, dass es gleichgültig ist, wer sich dahinter verbirgt, und
wird so menschlich gezeigt, dass man glaubt, den Nachbarn oder sogar
sich selbst darin zu sehen. Letztlich bleibt jedes Individuum
austauschbar, wobei dem Hörer die individuelle Identifikation
ermöglicht werden soll.
Das Musikstück wird geprägt von der Spontaneität des
Komponisten und vom Verstehen und Erfassen des Hörers. Das macht
nach herkömmlichem Verständnis die Musik formlos, sie hat
kein Konzept, das allein vom Komponisten vorgegeben ist. Ähnlich
wie bei einem fraktalen Bild multipliziert sich das Klanggebilde
chaotisch weiter. Chaotisch meint in diesem Zusammenhang das fraktale
Chaos, das nicht form- und gestaltlos bleibt. Und wie bei einem
fraktalen Bild empfindet der Zuhörer das Ergebnis harmonisch und
verständlich. Das hörbare Ergebnis in der "Hamlet-Maschine"
ist ein musikalisches Werk ohne Themen und Motive, ein Werk, das keinen
Handlungsablauf beinhaltet, auch keinen zugrunde gelegt hat und keinen
weitergibt.
Manche Texte sind für Rihm zu sehr Musik, die sich
verständlicherweise nicht mehr vertonen lassen. Vielleicht
wäre eine Untersuchung der Texte, die Rihm als "Reine Musik"
betrachtet und demzufolge nicht mehr vertont werden und solcher, die er
als Grundlage seiner Werke heranzieht, interessant, um einiges
über Rihms kompositorisches Schaffen zu erfahren. Bisher bin ich
diesem Gedanken nicht nachgegangen.
Fragmentierung von Texten scheint für Rihm die geeignete
Möglichkeit zu sein, einen geeigneten Text in Musik umsetzen zu
können. Die Collage also in musikalischer Form. Da die Musik keine
motivische Arbeit kennt, sich Geschehen an Geschehen reiht ohne
Rücksicht auf thematische Arbeit, wird der Text ebenfalls
aufgegliedert. Und wie der Text fragmentarisch behandelt wird, wird
auch die Musik fragmentiert. Wichtig sind die momentanen Zustände
und nicht ein formklarer Ablauf nach Norm.
Das Orchester ist bei Rihm ein geräusch- und klangerzeugender
Apparat und hat keine erzählende Funktion. Ebenso sind die
einzelnen Stimmgruppen keine Träger bestimmter Charakteristika,
sondern tragen lediglich zur facettenreicheren Klangfarbe bei. Es
werden momentane Situationen aber keine Stimmungsbilder dargestellt,
die in einem Moment so, im nächsten Moment anders gestaltet sind.
Momentane Realitäten werden dargestellt, die mit dem
Vorangegangenen und dem Nachfolgenden wohl eine Beziehung haben, aber
ebenso gut davon getrennt werden können. Es ist kein Ablauf-Drama
verwirklicht und es ist unmöglich, einen Handlungsablauf zu
erstellen.
Die Hamlet-Maschine ist als Musiktheater bezeichnet und wurde von 1983
bis 1986 geschrieben. Die Darsteller müssen sowohl gesanglich als
auch Schauspielerisch in Aktion treten. Rihm bindet sein Werk aber auch
in das ãTheater der GrausamkeitÒ ein, das im XX.
Jahrhundert oft für heftige Diskussionen um Inszenierungen und
Aufführungen gesorgt hatte.
Der Inhalt der Hamlet-Maschine sind Texte von Heiner Müller (er
lebte von 1929 bis 1995), die Rihm als Libretto umgestaltet hat.
Shakespears Drama Hamlet ist reduziert auf eine Interpretation und
Auswertung des Geschehens um Hamlet. Mit brutaler Direktheit wird auf
Einzelheiten im Drama hingewiesen, werden die Darsteller aus dem Drama
ins Rampenlicht gezerrt.
Heiner Müllers Texte zeichnen sich durch brutalste Direktheit,
grausamste Offenheit und schärfste Vergleiche aus. Ein Theater der
Grausamkeit. Es war die Zeit, in der Instrumente auf der Bühne
zerschlagen wurden, rohes Fleisch gezeigt wurde und die Darsteller sich
splitternackt zu zeigen begannen. Es geht in jedem Fall um das allzu
Menschliche, um klare Darstellung des menschlichen Charakters. Und
bedenkt man, dass der Mensch gerade im XX. Jahrhundert in vielen
Fällen brutalste Verbrechen begangen hat, ist das
zeitgenössische Theater und die zeitgenössische Musik
harmlos. Mit einer Oper oder mit einem Kunstwerk kann der Künstler
Kritik an seiner Zeit üben. Wolfgang Rihm und Heiner Müller
haben mit ihrem Werk deutliche Kritik geübt.
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