|
Die Geschichte der sakralen
Musik
von Petra Roeder |
Letztes Update:
|
Der aktuelle Titel von Petra Roeder im Verlag Jörg Dendl:
Die Geschichte der sakralen Musik ist für viele
Jahrhunderte die Geschichte der Vokalmusik. Spät erst tritt die
Instrumentalmusik hinzu und dann auch nur untergeordnet. Offensichtlich
bedarf jeder Kultus des Wortes. Zunächst einmal stehen sich
heidnische und jüdische Sakralmusik gegenüber und entwickeln
sich parallel, sie haben die gleichen Anregungen und Ausgangslagen,
demzufolge unterscheiden sie sich lediglich im Text voneinander.
Für die frühe Antike und für die hellenistische Antike
ist die heidnische Sakralmusik weit umfangreicher in zahlreichen Klage-
und Heldenliedern dokumentiert, bei Beerdigungen, bei Tempelriten und
höfischen Feierlichkeiten gesungen und vorgetragen. Einzige Quelle
für die jüdische Sakralmusik ist das Alte Testament, wobei
das Mirijam- und das Moselied die ältesten aufgezeichneten Lieder
sind. Das Metrum (die Abfolge von schwerer und leichter Betonung),
prägendes Element, so wie die Diasthematik (der
Tonhöhenverlauf, z.B. eine Tonfolge oder eine Melodie) und Ambitus
(Tonumfang, z.B. eine Oktave) sind ortsabhängig und kulturell
bedingt. Die uns vertraute Oktave und die die Oktave füllenden
sieben Töne sind dabei seltenst gebraucht worden. Auch die
Pentatonik ist relativ jung, zur Zeit des Alten Testaments dürfte
sie noch nicht erklungen sein. Über instrumentale Begleitung kann
nur soviel gesagt werden, als es sie gegeben hat, ebenfalls gesichert
sind instrumentale Zwischenspiele. Wie jedoch diese gestaltet waren und
wie mehrstimmig der Gesang ausgeführt war, läßt sich
nicht mehr rekonstruieren, da keine Notenschrift bekannt ist.
Überliefert sind uns bislang nur Beschreibungen der antiken
Instrumente. Rekonstruieren läßt sich die Vortragsweise: ein
Vorsänger wird von einem Chor abgelöst oder zwei Chöre
singen sich wechselseitig zu. Hier zeigt sich, daß responsorial
und antiphonal ausgeführte Gesänge unserer heutigen Liturgie
in der Antike wurzeln und durchaus nicht auf den jüdischen
Kulturbereich beschränkt sind, sondern in der gesamten antiken
Welt gebräuchlich waren.
Die christliche Kirche begann unter Juden und so ist es
selbstverständlich, daß das synagogale Liedgut in die
urchristliche Gemeinde getragen wurde. Heute noch gebrauchte Begriffe
wie Psalmodie gehen auf die Tradition des Psalmensingens im
jüdischen Gottesdienst zurück. Die hellenistische Antike
prägte den christlichen Gottesdienst zunehmend, drängte die
jüdischen Elemente in den Hintergrund, so wurden z.B. die
griechischen Modi (ein Modus ist vergleichbar einer Tonart) und die
Instrumente der hellenistischen Antike übernommen. In seiner neuen
Gestalt wurde die christliche Sakralmusik einzig bedeutende
Sakralmusik, als das Christentum Staatsreligion wurde. Zwar lebte die
heidnische Sakralmusik v.a. während der Völkerwanderungszeit
lebendig fort, da die Entwicklung der heidnischen Sakralmusik sich von
der christlichen Sakralmusik nur durch einzelne kulturellen
Unterschiede bemerkbar machte, wie in der frühen und
hellenistischen Antike weitgehend parallel zur christlichen Sakralmusik
eine Entwicklung erfuhr, bleibt dazu nichts zu sagen. Zudem waren die
eingewanderten Völker schnell missioniert und brachten ihre
kulturellen Bräuche und liturgischen Abweichungen von der Liturgie
der hellenistischen Antike in das Christentum ein, das dadurch
vielfarbig und lokal unterschiedlich wurde. Von einer zentralistischen
Religion kann also beim Christentum nicht gesprochen werden.
Auch für die Dokumentation der Sakralmusik gilt eine durch die
Völkerwanderung bedingte Lücke von ca. 250 Jahren. Um ca. 600
n.Chr. setzt die Dokumentation wieder lückenlos ein. Jetzt steht
die Liturgie, die bis zum zweiten Vatikanum Gültigkeit hat. Danach
sind Hymnen, Tropen, Sequenzen Passion, Oratorien und natürlich
die gesungene Messe Bestandteil der christlichen Liturgie und damit der
Sakralmusik. In die Liturgie eingebettet war ursprünglich auch der
Conductus, der im 12. Jahrhundert seine Blütezeit als Geleitgesang
für den Lektor beim Gang zum Lesen war. Später wurde der
Conductus für außerkirchliche Staatsanläße des
Klerus ausgelagert. Die Bestandteile der Messe sind teilweise sehr alt
(so das Sanctus, das um 120 n.Chr. bereits nachzuweisen ist oder das
Kyrie, das als einziger Messbestandteil bis heute in griechischer
Sprache abgefaßt ist), die meisten aber im 10. bis 13.
Jahrhundert (als letztes das Agnus Dei) aufgenommen. Grund
für die späte Festlegung der Messe sind die Streitigkeiten
zwischen der Ost- und der West-Kirche. Auch die übrigen
liturgischen Gesänge können auf eine langanhaltende Tradition
zurückblicken, v.a. die Hymnen sind ununterbrochen seit Bestand
der christlichen Kirche weitergetragen worden.
Der gesamte Reichtum der Sakralmusik, der die Völkerwanderungszeit
überlebt und nun in die Liturgie Eingang gefunden hat, wird von
Papst Gregor I - oder Gregor der Große (540-604, Papst ab 590) um
ca. 600 n.Chr. schriftlich fixiert, daher der Name gregorianischer
Choral.Der gregorianische Choral ist eine einstimmige liturgische
Weise und Bestandteil aller mittelalterlichen Musikgattungen, der
profanen wie der sakralen, sowie des Kirchenliedes, das für die
geistliche Erbauung während der Tagesarbeit vorgeschlagen wurde.
Vielleicht wollte Papst Gregor verhindern, daß durch eine erneute
Umwälzung der Gesellschaft wieder Traditionen verloren gehen, wie
dies während der Völkerwanderung geschehen war. Die Modi, in
denen die Choräle notiert sind, entsprechen denen der
hellenistischen Antike, so die Namen, der Ambitus und die Diasthematik,
allerdings hat sich ihre Notationsweise geändert und die Namen
haben eine Umdeutung erfahren. Das war weniger willentlich geschehen
als vielmehr aus dem Grund, als die antiken Modi nicht mehr
selbstverständlich bekannt waren. Volkssprachliche
Übersetzungen der liturgischen Gesänge und der Kirchenlieder
gibt es nachgewiesen bereits um 800 n.Chr. in den Murbacher Hymnen, und
es gilt als gesichert, daß Messen tatsächlich in der
Volkssprache zelebriert wurden.
Eine wesentliche Umgestaltung der Sakralmusik wurde von Bernhard von
Clairvaux (Abt von 1115 bis 1153) vorgenommen. Mit der Begründung,
die authentischste apostolische Liturgie für sein Mutter-Kloster
und sämtliche Tochter-Klöster (mehr als 300
Neugründungen durch Bernhard v. Clairvaux) in Anspruch nehmen zu
wollen, legte er die Metzer Liturgie zugrunde. Weshalb in Metz und
nicht in Rom die authentischste Liturgie zu finden war, hat den Grund,
daß in Metz auch in früheren Jahrhunderten einzelne Personen
auf der Suche nach der authentischsten Liturgie waren. Mit der
Einführung einer einheitlichen Liturgie für mehr als 300
Klöster durch Bernhard von Clairvaux war zum ersten Mal eine
Zentralisierung festzustellen, die sich allerdings nicht sehr starr
ausmacht: ein Vergleich der verschiedenen Handschriften zeigt einige
Unterschiede in der Diasthematik und dem Modus ein und der gleichen
Weise.
Die gregorianischen Choräle sind auch in der profanen Musik
verarbeitet worden, wie in den Carmina Burana z.B. deutlich wird. So
wundert es nicht, daß im ausgehenden Mittelalter durch die
Motette eine sakrale Weise aus ihrem Kontext gelöst und mit einem
profanen Text versehen wird, eine Weise einmal also mit sakralem und
einmal mit profanem Text besteht.
Mit der Reformation spaltet sich die Sakralmusik in die Protestantische
und die Katholische, und wieder geht zudem die Sakralmusik motivisch
ein in die profanen Werke. Ab der Reformation wird - v.a. bei der
protestantischen - von der Kirchenmusik, nicht mehr von der Sakralmusik
gesprochen. Während die protestantische Kirchenmusik als neue
Gattung die Kantate erhält - deren bedeutendster Komponist Johann
Sebastian Bach häufig eine Kantate einmal mit einem sakralen und
einmal mit einem profanen Text versehen hat -, bleibt die katholische
Kirchenmusik bis Mozart in ihrer um 1300 festgelegten Form bestehen.
Mozart verbindet Opernelemente mit der Sakralmusik. Die
eingeführten Elemente sind keine Formelemente als vielmehr
dramatische Gestaltung. Eine Methode, die von den nachfolgenden
Komponisten für katholische Kirchenmusik weitergeführt wird.
Das katholische Kirchenlied gehört erst seit dem zweiten Vatikanum
zur Liturgie, dagegen erfährt das protestantische Kirchenlied eine
langandauernde Blüte und geht unter dem Namen Choral ein in
profane und sakrale Werke bis in unsere Zeit. Nicht zuletzt die Kantate
und die von J.S. Bach zur Kantate umgestalteten Gattungen der Passion
und des Oratoriums leben vom Choral als wichtigem Bestandteil neben den
Rezitativen, die exakt so wie die Rezitative in der Oper gestaltet
sind, wobei das Rezitativ der Oper aus der mittelalterlichen
Rezitationstradition in der Liturgie kommt. Der Choral greift auf den
gregorianischen Choral zurück, ist aber immer mehrstimmig zu
denken - wenn nicht von einem Chor ausgeführt, so doch zumindest
(wie in der Hl. Messe meist der Fall) instrumental begleitet.
Die protestantische Kirchenmusik greift formal deutlich auf die
Vorgaben aus dem Mittelalter zurück. Die katholische Kirchenmusik
bis Mozart ebenfalls. Das Tridentiner Konzil um 1600 legt
ausdrücklich seinen Schwerpunkt auf den gregorianischen Choral,
wenn auch mehrstimmig bearbeitet. Palästrina (1525 oder 1526 bis
1594) und seine strenge Musik der Cantus-Firmus-Messen (wobei ein
gregorianischer Choral als cantus firmus geführt wird), der Fugen
(meist sogar in deren strengster Form, dem Kanon, gebraucht) und der
Tenor-Messen (die Tenorstimme ist Hauptstimme), die das Wort in den
Vordergrund stellen, werden vom Konzil als Ideal der katholischen
Kirchenmusik gesetzt. Die durch Mozart begonnene Dramatisierung der
katholischen Kirchenmusik durch Opernelemente setzten dem eine eigene
Gestalt entgegen. Instrumente spielten eine wichtige Bedeutung,
dramatische musikalische Affekte und Tonmalerei lassen den strengen
Satz aufbrechen, der gregorianische Choral ist bestenfalls noch
rudimentär verarbeitet. Das Wort wird zwar nicht
überflüssig, aber es ist nicht mehr der wichtigste
Bestandteil. Seit der Neuzeit besteht die Bestrebung, aus dem konkreten
Alltag und der konkreten Erfahrung zur Abstraktion zu finden, eine
Abstraktion, die sich nicht mehr erfahren sondern nur noch denken
läßt. Das läßt die neue Möglichkeit zu,
nonverbale Aussagen allgemeinverständlich zu machen. So
konstituierte sich im 19. Jahrhundert im Cäcilianismus (die Hl.
Cäcilia steht für diesen Namen Pate) eine Reformbewegung, die
erneut einen Rückgriff auf Palästrina fordert, wie dies
bereits das Tridentiner Konzil getan hatte.
Im 19. Jahrhundert begann auch das Phänomen, daß
ursprünglich sakrale Musik, z.B. eine Messe, ein Oratorium, eine
Passion, aus dem sakralen Bereich gelöst und in den Konzertsaal
versetzt wird. Die Säkularisierung hat augenscheinlich
gründlich stattgefunden. Das 20. Jahrhundert ist noch
weitestgehend auf dem Stand des vorigen Jahrhunderts, ein sakrales Werk
kann sowohl im Konzertsaal als auch im Gottesdienst erklingen. War es
bis ins 19. Jahrhundert problemlos möglich, eine Weise einmal mit
einem sakralen und einmal mit einem profanen Text zu gestalten, so
kommt nun zusätzlich die Möglichkeit hinzu, ein sakrales Werk
aus seinem Kontext zu lösen und als sakrales Werk in das profane
Leben zu stellen. Offenkundig heiligt nur der Anlaß und die
Bestimmung eine Weise. Zusätzlich haben die KomponistInnen des 20.
Jahrhunderts die Möglichkeit, nonverbale musikalische Aussagen
machen zu können, bis ins Detail weitergeführt: es gibt
Werke, die ohne ein einziges verständliches Wort eine bestimmte
Aussagekraft beanspruchen. Als Beispiel sei das Welt-Requiem
aufgeführt, das 1997 in der Stuttgarter Liederhalle
uraufgeführt worden ist und an dem Komponisten wie Wolfgang Riehm,
Helmut Lachenmann u.a. mitgewirkt haben.
Die nach der Säkularisierung eingesetzte Möglichkeit, sakrale
Musik als Konzert einem breiten Publikum vorführen zu können
und die in der Neuzeit begonnene Möglichkeit, nonverbal eine
Aussage machen zu können, haben auch Chancen, die nicht zu
verachten sind. Auch im Konzertsaal kann eine geheiligte
Atmosphäre entstehen, auch ohne den Knüppel der
unmißverständlichen liturgischen Worte kann eine Person tief
angerührt werden von einer rein instrumental ausgeführten
biblischen Szene.
Literatur:
Hans Hickmann/Rudolf Walter, gregorianische Themen in
nicht-gottesdienstlicher Musik des XX. Jahrhunderts (Heft 12 der
Schriftenreihe "Kirchenmusik, eine geistig-geistlich Disziplin"), hrsg.
von Rudolf Walter, Stuttgart 1983
Claire Maître, La Réforme cistercienne du
plain-chant, Brecht (Belgique) 1995
Der aktuelle Titel von Petra Roeder im Verlag Jörg Dendl:
![]() |
Die dendlon.de-Tour | ![]() |
| Menue Links Update-Info Texte von Pur Roeder |
| Zurück zum Seitenanfang | Zurück zur Startseite |