Jerusalem ist die heilige
Stadt dreier
Weltreligionen, des
Judentums,
des Christentums und des Islam. Jede Kultur, die sich in dieser Stadt
niederließ und sie beherrschte, hinterließ ihre Spuren an
diesem Ort. Die überschaubare Geschichte Jerusalems reicht bis in
das 14. Jhd. v. Chr. hinab. Zu dieser Zeit erfahren wir erstmals aus
Tontafeldokumenten von der Existenz dieser Stadt. Für einige
Jahrhunderte schweigen dann die historischen Dokumente, um
schließlich ab dem Jahr 1000 v. Chr. bis heute nahezu
lückenlos übre die Geschichte der Stadt zu berichten. Doch
trotzdem, obwohl die geschriebene GeschichteJerusalems, insbesondere
dem Bibelkenner, anscheinend genau bekannt ist, sind viele Details bis
heute nicht archäologisch abgesichert. Zahlreiche Bauten, die in
den historischen Texten von der alttestamentlichen Zeit bis in das
Mittelalter hinein beschrieben werden, können nicht genau
lokalisiert und identifiziert werden. Hier soll die Stadt Jerusalem als
archäologische Stätte vorgestellt werden, was in Anbetracht
des zu umfassenden Zeitraums und der an vielen Stellen der Stadt
aufzufindenden Reste nur im Überblick geschehen kann. Es wird sich
zeigem, dass diese Stadt an den archäologisch Interessierten
höhere Ansprüche stellt, als leichter zu überschauende
Stätten, aber dennoch mit einigen interessanten Details aufwarten
kann, die die Mühe wert sind.
Die Gründe für diesen Zustand sind naheliegend und
entspringen in erster Linie der Tatsache, dass das Stadtgebiet seit
nahezu 4000 Jahren ununterbrochen bewohnt war. Die Schwierigkeiten, die
sich dem Archäologen entgegensetzen, wenn eine Stadt nicht
verlassen wurde, zeigen sich hier ebenso wie in Rom oder Athen. Es ist
immer schwierig, Möglichkeiten für eine Grabung zu finden. So
werden beim Ausheben der Fundamente bei Hausbauten auch in Jerusalem
immer wieder archäologisch wertvolle Reste gefunden. Leider
muß die Archäologie immer wieder gegen den Unwillen der
Bauherren ankämpfen, denen es oft genug natürlich nicht recht
ist, wenn ihre Baugrube zur Ausgrabungsstätte werden soll. In
Jerusalem kommt zu diesen Schwierigkeiten, die sich oft genug mit Geld
dann doch noch lösen lassen, noch die religiösen Auffassungen
der Betroffenen. So ist es praktisch unmöglich, genaueres
über die Bauten auf dem Berg Moriah zu erfahren, wo einst der von
König Salomo errichtete Tempel stand. Heutzutage befindet
sich auf diesem Berg der von dem Kalifen Abd el-Malik erbaute Felsendom
und das gesamte Areal des Tempelberges gilt als islamisches Heiligtum.
Aber ebenso überdecken die zahlreichen Kirchen der Stadt Bauten
aus dem Altertum. Daher ist es nur selten möglich, an den
Heiligtümern der verschiedenen Religionen Ausgrabungen
vorzunehmen. Doch auch dies ist nicht das letzte Problem der
Archäologie Jerusalems. Da die Stadt praktisch ununterbrochen
bewohnt war, konnte sich keine Stratigraphie entwickeln, wie an anderen
Orten, wo sich durch verschiedene aufeinander folgende Besiedlungen die
"Tells" entwickelten und es heute zulassen, Schicht für Schicht in
die Vergangenheit vorzudringen. In einer ständig bewohnten Stadt
wurden häufiger alte Gebäude abgerissen, um neuen Platz zu
machen. Und sowurden die neuen Gebäude auf demselben Niveau
errichtet wie die alten. Daher stellt sich den Archäologen die
schwere Aufgabe, die verschiedenen Bauepochen durch andere Methoden als
die der Stratigraphie ihrem historischen Kontext zuzuweisen. Aber trotz
dieser vielfältigen Schwierigkeiten ist es im
begrenzten Rahmen doch immer wieder möglich gewesen, Ausgrabungen
vorzunehmen und die ungeschriebene Geschichte der Stadt zu entdecken
und die geschriebene Geschichte der Heiligen Stadt zu erhellen.
Die Geschichte des vorisraelitischen Jerusalem aufzudekcen, ist ein
äußerst interessanter Punkt. Wie oben gesagt, bestand die
Stadt schon einige Jahrhunderte bevor David sie um das Jahr 1000 v.
Chr. eroberte. Dabei rückte für die älteste Besiedlung
des Geländes der im südöstlichen Teil der heutigen Stadt
Jerusalem liegenden Zionshügel ind as Blickfeld der Forscher.
Zahlreiche Suchgräben wurden in diesen Hügel gegraben, um
seine früheste Geschichte aufzudecken. Dabei fand man in
Gräbern auf der Westseite des Hügels Keramik aus dem 3.
Jahrtausend v. Chr., womit die erste Besiedlung in diese Zeit datiert
werden kann. Der Nukleus, aus dem das spätere Jerusalem
hervorging, war eine Siedlung der Bronze- und Eisenzeit auf dem
Zionshügel. Dieser Hügel wurde an verschiedenen Stellen von
den Archäologen angeschnitten, um die frühen
Besiedlungsspuren zu erforschen. Nach den Ergebnissen der Grabungen
wird angenommen, dass sich die Besiedlung des
Jebusitisch-israelitischen Jerusalem auf der Ostseite des
Zionshügels hinzog. (Kenyon, S. 93) Um auch in Kriegszeiten Zugang
zu dem lebenswichtigen Wasser der Gihonquelle zu haben, zog sich die
Siedlung nach Osten hin und umschloß die Quelle in ihrem
Mauerring. (Kenyon, S. 94) Reste von Bauten aus dieser Zeit fanden sich
nur an den Seiten des Hügels, wo die Bewohner gezwungen waren,
Terrassen anzulegen, um ihre Häuser auf waagerechtem Boden zu
errichten. Auf der Hügelkuppe wurden alle Bauten durch
spätere Neubauten zerstört. Der Zugang zur Gihonquelle sollte
die Jebusiter ihre Stadt kosten, als sie von David belagert wurde.
Zunächst eroberte David die Festung Zion. Dann gelang es Joab, der
dafür von David zum Hauptmann befördert wurde, durch den
Kanal in die Stadt zu gelangen. Durch diese List eroberte David die
Stadt. (1 Sam 5,8; 1Chr 11,6)
Bei der Anlage eins Suchgrabens von der jebusitischen Stadtmauer zur
Gihonquelle wurden Mauerreste gefunden, die zunächst dem
jebusitischen Jerusalem des 2. Jahrtausends v. Chr. zugewiesen wurden.
Später mußten sie aber anhand der darunter gefundenen
Keramik in das 2. Jhd. v. Chr. datiert werden. Bei der
Weiterführung des Grabens stießen die Forscher aber auch auf
Gebäudereste aus der Eisen I- und Eisen-II-Zeit. Als man auf eine
größere Mauer stieß, war die Stadtmauer der von David
eroberten jebusitischen Stadt gefunden. Die auf dem Zionshügel
gelegene Stadt war von Norden und Süden mit einer Mauer umgeben.
An der Nordfront des Zionshügels fanden sich auch Spuren der
Besiedlung aus der Zeit der Eroberung durch David. Er begann damit, die
eroberte Stadt als seine Residenz auszubauen. Und auf dem Berg Moriah
wollte er den Tempel seines Gottes JHWH zu errichten. Doch David starb,
bevor er sein Vorhaben ausführen konnte. Von den davidischen
Bauten kann nichts eindeutig identifiziert werden. David erweiterte
lediglich das jebusitische Stadtgebiet ein wenig und erneuerte die
schon vorhandenen Terrassen. Die einzige Struktur, bei der mit
größerer Sicherheit angenommen werden kann, dass sie auf
David zurückgeht, ist eine "Millo" genannte Aufschüttung, die
auch in der Bibel erwähnt wird. (2Sam 5,9; 2Kön 12,21) Diese
Aufschüttung wird von den Archäologen auf der Ostseite des
Hügels vermutet.. (Kenyon, S. 100)
König Salomo muß als einer der größten Bauherren
Jerusalems gelten, denn unter seiner Herrschaft wurde die Stadt erst
wirklich zu einer königlichen Residenz ausgebaut. Aber trotzdem er
nach den Berichten der Bibel die bedeutendsten Bauten der Stadt, den
JHWH-Tempel und seinen Palast, errichtete, ist von seinen Werken keine
archäologisch nachweisbare Spur gebelieben. Die vielen Bauten, die
seinem Tempel auf dem Berg Moriah folgten, haben jegliche Spur dieses
Baus getilgt. Sämtliche Strukturen, denen vor allem im Mittelalter
die Bezeichnung "salomonisch" beigelegt wurden, stammen aus
späterer Zeit. So sind die "Ställe Salomos" am
Südostrand des Tempelberges Konstruktionen aus der Zeit des
Königs Herodes. Frühere Vermutungen, die Fundamente der
Umfassungsmauer des Tempelplatzes seien salomonisch, wurde durch
nachfolgende Untersuchungen widerlegt, die sie ebenfalls der
herodianischen Zeit zuwiesen. Als Salomo starb, zerfiel das vereinigte
Königreich in die beiden Teilreiche Israel im Norden und Juda im
Süden. Jerusalem blieb die Hauptstadt Judas. Doch auch die
folgende Zeit kann nicht anhand archäologischer Spuren
dokumentiert werden. Einzelne Erweiterungen der Stadtmauern und
Umbauten innerhalb der Stadt wird es sicher gegeben haben, aber es
haben sich wiederum keine deutbaren Spuren erhalten, die eindutig
bestimmten Bauherren oder Zeitabschnitten zuzuordnen sind. Lediglich
einige Bauten konnten anhand der aufgefundenen Keramik allgemein der
Zeit der zwei Königreiche zugewiesen werden. Im 7. Jhd. v. Chr.
wurde auf die in der Mittelbronzezeit errichtete Mauer am
Zionshügel eine israelitische Mauer aufgesetzt. Es wird vermutet,
dass diese Instandsetzung der Verteidigungsanlagen mit dem Verfall des
Assyrischen Reiches zusammenfielen, als Juda auf politische
Unabhängigkeit hoffte. (Bardtke, S. 257) Eines der
interessantesten Ergebnisse der Archäologie in Jerusalem zeigte
wohl mit Sicherheit die Erforschung des Siloah-Tunnels.Dieser Tunnel
wurde nach den Angaben der Bibel zur Zeit des Königs Hiskia
angelegt, um die Stadt mit Wasser zu versorgen. (2 Kön 20,20; 2Chr
32,30) Dieser Kanal ist 520 Meter lang und führt das Wasser der
Gihonquelle in die Stadt. Der wichtigste Fund war bei der Erforschung
dieses Kanals aber eine Inschrift, die von der Vollendung des Tunnels
berichtet. Leider stellt die Inschrift keinen direkten Bezug zu den
Zeitumständen her, sondern berichtet nur sachlich über den
Durchbruch. (Bardtke, S. 68-70) Eine auf dem Zionshügel gefundene
Brandschicht bestätigt die historischen Berichte über die
Zerstörung der Stadt durch König Nebukadnezar im Jahr 587 v.
Chr. (2Kön 25, 1-21; Jer 52; 2 Chr 36, 11-19)
Erst mit König Herodes beginnt in Jerusalem die Zeit der
historisch und archäologisch faßbaren Bauten. Herodes
ließ den Tempel völlig umbauen und erweiterte dabei auch den
Tempelberg. Dazu mußten Umfassungsmauern von gewaltiger
Größe errichtet werden und ebensolche Unterkonstruktionen,
die die Gebäude trugen. Dies war insbesondere am Südrand des
Tempelberges der Fall. Bis heute sind die Fundamente und die unteren
Reihen der Steine der Kalagemauer aus der Zeit des Herodes. Aus dieser
Zeit sind auch einige auffällige Grabbauten erhalten geblieben,
dje aber mehr nach üebrlieferten Traditionen einzelnen
Königen als Gräber zugewiesen werden, denn nach
tatsächlichen Kenntnissen. Am Fuß des Ölbergs gibt es
eine Reihe von aus dem Felsen herausgearbeiteter Grabanlagen. Einzelne
dieser Monumente, so das "Grab des Zacharias" und das "Grab des
Absalom" bestehen aus massiven Felsen, die mit Säulen verziert und
mit Dächern in Pyramiden- oder Kegelform bedeckt sind. Auch das
Felsengrab der Königin Helena von Adiabene wurde lange Zeit als
die Ruhestätte eines der judäischen Könige angesehen.
Dabei handelt es sich bei den meisten dieser Grabbauten um Anlagen aus
der Zeit nach dem Exil, was anhand der verwendeten Architekturelemente
nachzuweisen ist. Durch solche, oft religiöse motivierten
Falschzuweisungen, wurden viele archäologisch interessante Reste
in Kirchen oder Moscheen aufgenommen, so dass sie einer genauen
Erforschung nur schwer zugänglich sind.
Einen großen Verlust an historischer Bausubstanz folgte dem
jüdischen Aufstand der Jahre 66 bis 70 gegen die römische
Besetzung des Landes. Dem Feldherrn Titus gelang es erst nach einer
langen und schweren Belagerung Jerusalem einzunehmen. Als die Stadt
endlich fiel, geriet der Tempel in Brand und wurde vollständig
zerstört. Auch hatte der Verlauf der Belagerung es mit sich
gebracht, dass ganze Stadtviertel niedergemacht wurden, um
Bewegungsfreiheit für die Belagerer zu gewinnen. Nach dem zweiten
jüdischen Aufstand unter Bar Kochba, der im Jahr 132 von Kaiser
Hadrian niedergeschlagen wurde, sollte Jerusalem eine römische
Stadt werden. Den Juden wurde verboten, die Stadt zu betreten. Auf dem
Tempelberg wurde nun ein Tempel des Iuppiter Capitolinus errichtet.
Anstelle des alten Jerusalem wurde die Kolonie "Aelia Capitolina"
eingerichtet. Das gesamte Stadtbild wurde nach den Maßgaben
römischer Architektur umgestaltet. Zwei breite Straßen
zerteilten die Stadt in vier Viertel. Im südwestlichen Viertel
wurde ein Lager der Legio X eingerichtet, was sich anhand der dort zu
findenden Ziegel mit dem Stempel dieser Legion nachweisen
läßt. In der folgenden Zeit wurden verschiedene neue Bauten
errichtet. So hat sich bis heute in der Kirche der Schwestern von Zion
der sogenannte "Ecce-Homo-Bogen" erhalten. Die christliche Tradition
erkennt in diesem Ort den Platz, an dem Pontius Pilatus den
verurteilten Jesus dem Volk zeigte und die Worte "Seht, welch ein
Mensch" (Ecce Homo) sprach. Dieser Torbogenrest gehört zu der
östlichen Toranlage der Aelia Capitolina und wurde im Jahr 135
errichtet. So bewahren bis heute viele christliche Kirchen
römische Baureste, weil diese mit der Passion Christi in
Verbindung gebracht werden.
Mit dem beginn der christlichen Ära wird die Baugeschichte
Jerusalems leichter faßbar, da sich seit dieser Zeit die
gebäude zum Teil bis heute in ihrer ursprünglichen
Bausubstanz erhalten haben. Das mittelalterliche Jerusalem ist daher
mehr eine Aufgabe für die Kunstgeschichte als für die
Archäologie.
Der Reiz des alten Jerusalem wird immer aus der Spannung zwischen den
historischen Berichten und den geringen materiellen Quellen gespeist
werden, wodurch die Beschäftigung mit dieser Stadt nie
uninteressant werden wird. Sind die sichtbaren Reste hier auch nicht so
beeindruckend wie in Rom oder Athen, so haben sie doch auch ihren ganz
besonderen Stellenwert in der Geschichte der Menschheit, gerade weil an
diesem Ort Dinge geschahen, die die geistige Entwicklung Europas in den
letzten 2000 Jahren bis heute prägten.