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Der Heilige Felsen
Der
Felsendom im Zeitalter der Kreuzzüge
von Jörg Dendl |
Letztes Update:
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| Der folgende Text ist abgedruckt in: Miszellen aus dem Schülerkreis (Festschrift für Prof. Dr. K. Elm), Berlin: Freie Universität Berlin 1995, S. 1-11 (Die jeweilige Seite wird in dieser Internet-Version von einem Strich abgeschlossen) |
Als am 15.Juli 1099 die Kreuzfahrer in Jerusalem eindrangen, war
eines der ersten Ziele der Eroberer der Tempelplatz. Dort befanden sich
seit dem 7. Jhd. zwei bedeutende Bauwerke der islamischen Architektur:
die Moschee al-Aqsa und die Qubbet as-sakra, der "Felsendom". Für
die Muslime war dieser Platz, der einst den Tempel des Salomo getragen
hatte, der heiligste Ort in Jerusalem. Der den Tempelplatz mit seiner
Kuppel uuml;berragende Felsendom muß die Phantasie der
Kreuzfahrer besonders angeregt haben. Diesem schon durch seine
auffällige Architektur bemerkenswerten Bauwerk gaben sie den Namen
"Templum Domini", was die Verbindung dieses Gebäudes zum Wirken
Jesu ganz besonders in den Vordergrund ruuml;ckte. Die Moschee Al-aqsa
am Südrand des Tempelplatzes wurde kurzerhand zum "Palatium
Salomonis" erklärt [1]. Damit waren
die Zuweisungen festgelegt, die bis zum Ende der Kreuzfahrerherrschaft,
und in den Vorstellungen der späteren Pilger darüber hinaus,
die Einordnung dieser Stätten in die christliche Topographie
Jerusalems ausmachten.
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Tempel Salomos zum Auffangen des Opferblutes gedient. [3] Unter dem südlichen Teil dieses Felsens
befindet sich eine Höhle, zu der von der Südostecke aus eine
Treppe hinabführt. Diese Treppe ist zwischen 1,40 und 1,50 m breit
und hat 14 Stufen. Der Raum unter dem Felsen ist annähernd
viereckig und mißt 7,40 x 6,90m. Seine Höhe schwankt
zwischen 1, 46 und 2,62m. Ungefähr in der Mitte des Raumes ist der
Felsen von einer Öffnung mit ca. 90 cm Durchmesser durchbrochen.
Im Fußboden darunter befindet sich der "Seelenbrunnen" (Bir
el-Arouah), eine Öffnung zu einem unter dem Felsen verlaufenden
wasserführenden Kanal, die mit einer runden, etwa 1,68 m im
Durchmesser messenden Marmorplatte bedeckt ist. Der Felsen wird durch
einen Riß gespalten, der auf ein Erdbeben im Jahr 1067
zurückgeht. Es wird vermutet, daß es noch weitere
Höhlen neben der unter dem Heiligen Felsen gibt [4], deren Zugänge aber unbekannt sind.
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Spätere Legenden schmückten das in diesem kurzen Vers
berichtete Geschehen aus, und so hieß es, Mohammed habe eine
wunderbare "Nachtreise" unternommen. Auf seinem Pferd Buraq, das den
Kopf einer Frau hatte, sei er dabei durch die Lüfte nach Jerusalem
gelangt. Dort, am "entferntesten Platz" betete der Prophet zusammen mit
Abraham, Mose, König Salomo und Jesus. Dann stieg er auf einer
goldenen Leiter in das Paradies auf [5].
Nach seinem Besuch im Paradies bestieg er wiederum sein Pferd Buraq und
gelangte noch in der gleichen Nacht nach Mekka zurück.
Der Ort, an dem die berichteten Ereignisse lokalisiert wurden, war der
Tempelplatz von Jerusalem. Die islamische Tradition brachte die
Ereignisse um die "Nachtfahrt" des Propheten in direkte Verbindung mit
dem Heiligen Felsen, der zur Zeit der Eroberung Jerusalems durch die
Araber noch unter freiem Himmel lag. Nach der Eroberung
veranlaßte der Kalif Omar, den von den Christen
vernachlässigten Tempelplatz zu säubern. An einzelnen Punkten
des Felsens lokalisierte die Tradition Spuren der "Nachtreise". So
finden sich an der Westseite des Felsens die "Fingerabdrücke
Gabriels", an der Südwestecke ein Fußabdruck Mohammeds, eine
Fußspur des Idris und weitere Fußspuren Mohammeds an der
Südostecke. Im Inneren der Höhle unter dem Felsen werden die
Betplätze von Salomo, Chadr, Abraham,
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David und Mohammed gezeigt. [6] Damit
hatte der Felsen eine hohe religiöse Bedeutung und der Felsendom
diente als Schutz und Krönung dieses Ortes.
Die islamische Tradition, an dem Felsen bestimmte Spuren der verehrten
Personen zu lokalisieren, fand später ihre Entsprechung in den
Traditionen der Kreuzfahrer. Wie auch an anderen Orten, so der
Grabeskirche, üblich, fanden sie ebenfalls Fußabdrücke
oder andere Spuren Jesu an dem Felsen. Mit der Zeit wurden auch weitere
Ereignisse der neutestamentlichen Geschichte auf den Felsen und das
Bauwerk übertragen, insbesondere solche, in denen Maria eine Rolle
spielte. [7] Doch auch diese Islam und
Christentum gemeinsame Tradition, Spuren des Wirkens der heiligen
Personen an einem bestimmten Ort zu lokalisieren kann nicht als
ursprüngliche Traditionslinie für die Bezeichnung des
Felsendoms als Templum Domini angesehen werden.
Die christliche Anschauung hatte ihre Wurzel letztendlich in den
jüdischen Traditionen und Überlieferungen. Für die Juden
war der Heilige Felsen seit der Tempelzerstörung (70 n. Chr.) eine
Stätte der Verehrung. Der Babylonische Talmud kennt diesen Felsen
als "Shethiyah", den "Gründungsstein". Die Verbindung dieses
Felsens mit dem Tempel war durch die Tradition gegeben, daß auf
diesem einst die Bundeslade gestanden hatte:
Diesem Felsen wird auch eine gewisse Bedeutung für die Zeit des zweiten Tempels zugewiesen:
Damit wurde der Felsen in der talmudischen Tradition zum Ersatz für die verlorene Bundeslade in dem leeren Allerheiligsten des zweiten Tempels. Daß sich diese Tradition, und damit die Kenntnis von der Lage des Allerheiligsten des Tempels des Salomo fortsetzte, zeigt sich im Bericht des Itinerarium Burdigalense:
Unter der Herrschaft des Oströmischen Kaisers Julian Apostata (361-363) sollte der jüdische Tempel wieder errichtet werden, doch wegen eines Erdbebens wurden die Bauarbeiten abgebrochen und nicht wieder aufgenommen. Die Tradition, die den Tempel Salomos über dem Heiligen Felsen lokalisierte,
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ging von den Juden zu den christlichen Vorstellungen von der biblischen Topographie Jerusalems über. Die einzige Veränderung, die diese Tradition durchmachte, war die Umwidmung des Tempels zur Wirkungsstätte Jesu, als die er im christlichen Bereich eine wesentlich größere Bedeutung gewann. Diese Umwidmung der Tempeltradition ist zeitlich nicht genau einzuordnen. In der Zeit des Itinerarium Burdigalense galt noch immer die christliche Auffassung, nach der der Tempel nicht wieder errichtet werden würde. Hatte doch Jesus prophezeit:
Der Tempel galt für die Christen als überwunden, denn der
Leib eines jeden sollte ein Tempel sein. [12]
Daher blieb die Stelle des Tempels "wüst und leer", bis die
Muslime sie wieder zu einer heiligen Stätte machten.
Als Johannes von Würzburg im Jahr 1165 den Tempelplatz beschrieb,
hatte sich die christliche Tempeltradition schon manifestiert. Er kennt
eine ganze Reihe von Lokalitäten in und um den Felsendom, die mit
den neutestamentlichen Berichten in Beziehung gesetzt wurden. Dem war
die Umwidmung des islamischen Bauwerks zu einer christlichen Kirche
vorausgegangen und der Bericht des Johannes von Würzburg kann
damit als Höhepunkt der christlichen Legendenbildung um Felsendom
und Heiligen Felsen angesehen werden.
Den Beginn dieser Legendenbildung verdeutlichen die Berichte Saewulfs
und die Kreuzzugschronik des Fulcher von Chartres.
Saewulf war im Jahr 1102, kurz nach der Eroberung der Stadt, in
Jerusalem. Bei seiner Beschreibung der heiligen Stätten geht er
auch auf das Templum Domini und den darin befindlichen Felsen
ein. Er schreibt [13]:
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inuentus est sedens in medio doctorum audientem illos et interrogantem, sicut in evangelio legitur[17] . Inde postmodum eiecit boues et oues et columbas, dicens: 'Domus mea domus orationis uocabitur.' [18] ibi dixit iudeis; 'solvite templum hoc, et in triduo illud excitabo.' [19] Ibi adhuc apparent in rupe uestigia domini dum ipse abscondit se et exiuit templo, sicut in euangelio legitur, ne iudei in illum lapides iacerent quos tulerunt [20]. Illuc fuit mulier in adulterio dreprehensa coram ihesu adducta a iudeis ut inuenirent unde accusarent illum. [21]".
In dieser ausführlichen Beschreibung erwähnt der Autor
alle wichtigen Begebenheiten, die auch später mit dem Templum
Domini oder dem Heiligen Felsen in Verbindung gebracht werden. Zu
beobachten ist, daß er alle erwähnten biblischen Berichte
mit dem Felsen, nicht mit dem Gebäude in Verbindung bringt. Er
folgt damit den jüdischen und islamischen Traditionen, die den
Felsen in den Mittelpunkt stellen. Dabei berichtet er zunächst vom
Tempel Salomos, wobei er die talmudische Auffassung wiedergibt, die
Bundeslade habe auf dem Felsen gestanden. [22]
Die weiteren Nachrichten entnimmt Saewulf dem Neuen Testament, wobei er
Ereignisse, die an diversen Plätzen des Areals des herodianischen
Tempels zu lokalisieren wären, auf den Felsen zusammenzieht. Zum
ersten Mal finden sich auch Hinweise auf Maria, hier noch im engen
Zusammenhang mit ihrem Sohn Jesus.
Fulcher von Chartres benennt den Felsendom schon als "Templum Domini",
trifft aber eine Unterscheidung zwischen diesem Bauwerk und dem Tempel
Salomos:
Ihm war offensichtlich bewußt, daß es sich beim dem vorgefundenen Bauwerk nicht um den Tempel handeln konnte, was die spätere Tradition aber immer ignorierte. Aus den Worten Fulchers geht deutlich hervor, daß zumindest ihm nicht viel an diesem Felsen selbst lag:
Im Bericht des Fulcher rückt dieser Fels allerdings trotz seiner Unansehnlichkeit
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für den Chronisten in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Zunächst verweist er auf die Legende, nach der in dem Felsen die Bundeslade zusammen mit den Gesetzestafeln des Mose und dem Gefäß mit Manna eingeschlossen sei:
Dieser Bericht geht auf eine jüdische Legende zurück, die auf dem Babylonischen Talmud basiert, in dem an zwei Stellen davon berichtet wird, daß die Bundeslade unter König Josia im Inneren des Tempels versteckt wurde. Es heißt dort:
Die Annahme, Josia habe den Auftrag gegeben, die Bundeslade im Inneren des Tempels zu verstecken, beruht auf dem offensichtlichen Widerspruch, der zwischen der Anweisung Josias, die Lade in den Tempel zu bringen [28], und allen biblischen Berichten, nach denen die Lade sich seit der Zeit Salomos im Tempel befand und nicht aus diesem entfernt worden war, besteht. [29] Eine weitere Tradition, die die Tempelgeräte des salomonischen Tempels im Inneren des Heiligen Felsens lokalisiert, ist in den jüdischen Legenden [30] und in der syrischen Baruchapokalypse überliefert. Nach der Baruchapokalypse erschienen bei der Eroberung Jerusalems fünf Engel von denen einer die heiligen Gegenstände an sich nahm und sie in der Erde versinken
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ließ. [31]
Anschließend stellt Fulcher dieser Legende den Bericht aus dem
zweiten Buch der Makkabäer entgegen:
Fulcher scheint dieser zweiten Tradition den Vorzug zu geben, gibt aber keine eindeutige Wertung ab. Auf die unter dem Felsen befindliche Höhle geht Fulcher nicht ein. Dieser Umstand erscheint verwunderlich, war er doch selbst am Templum Domini tätig. Noch ein weiteres Geschehen bindet Fulcher an den Felsen:
David hatte, von seinem Gott dazu gereizt, eine Volkszählung
vornehmen lassen. [35] Unter drei
Möglichkeiten sollte David sich eine Strafe wählen. Er
wählte eine dreitägige Pest. Der Engel, der die Pest
verbreitete "war bei der Tenne Araunas, des Jebusiters." [36] Und an diesem Platz errichtete David einen Altar,
wo später der Tempel erbaut werden sollte.
Fulcher und Saewulf zeigen zwei Tendenzen in der Bewertung des Heiligen
Felsens. Während Fulcher von Chartres sich allein auf die
alttestamentlich-jüdischen Traditionen stützt, wendet sich
Saewulf in erster Linie den neutestamentlichen Berichten über das
Wirken Jesu im Tempel zu. Es hat den Anschein, daß für
Saewulf der Heilige Felsen zum Kristallisationspunkt wird, da für
ihn keine andere Spur des zerstörten Tempels greifbar war. Fulcher
dagegen schränkt seinen Blick allein auf den Felsendom ein,
erwähnt das Templum Salomonis lediglich am Rande, und geht nicht
auf Einzelheiten auf dem Tempelplatz ein. Damit scheinen für ihn,
der sich bei der Erwähnung des Heiligen Felsens sehr informiert
zeigt, die mit Jesus verbundenen Ereignisse im Tempelareal nicht an den
Felsen gebunden gewesen zu sein. Fulcher sah den Felsen nicht als den
"Heiligen Felsen" an, der er nach Ansicht der Muslime
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war. Dieser das Templum Domini "verunstaltende" (deturpabat) Felsen
war für ihn nur eine "Landmarke", die den einstigen Standort des
salomonischen Tempels und dessen Allerheiligstem anzeigte. [37] Warum Saewulf und Fulcher weder die
Höhle noch das Loch im Felsen erwähnen, bleibt offen. Beide
sahen den Felsen ohne die Marmorverkleidung. [38]
Es mag sein, daß diese Nichterwähnung darauf beruht,
daß beiden Chronisten keine überlieferungen im Zusammenhang
mit dieser Höhle bekannt waren.
Als nächster Autor schrieb Albert von Aachen in der ersten
Hälfte des 12. Jahrhunderts in seiner Historia
Hierosolymitanae expeditionis über den Felsendom. Dabei
beschreibt er anhand von zu ihm gelangten Berichten auch den Heiligen
Felsen:
Zum ersten Mal wird hier die Höhle unter dem Heiligen Felsen in
einer christlichen Chronik explizit erwähnt. Allerdings
hinterläßt der Bericht die Frage, was es mit der
erwähnten Tür auf sich hatte. An keiner Stelle des Felsens
befindet sich eine solche Tür. Ob dem Chronisten sich
widersprechende Berichte zu Ohren kamen, die er dann auf seine Weise,
ohne einem der Berichte den Vorzug zu geben, verarbeitet hat, ist nicht
zu entscheiden. Zu vermuten ist, daß es sich nicht um eine
Tür an dem Felsen handelte, sondern um den Zugang zu einem Raum im
Felsendom. [40] Ohne eigenen Augenschein
mußte Albert sich auf seine Gewährsleute verlassen. Die
Aufbewahrung heiliger Geräte im Inneren des Felsens zeigt wiederum
eine gewisse Nähe zu den jüdischen überlieferungen.
Wenn Albert von Aachen das Loch im Felsen nicht erwähnt, so ist es
unter Umständen natürlich denkbar, daß seine
Gewährsleute dieses Loch nicht mehr kannten, weil es schon mit
Marmor bedeckt worden war.
Im Bericht des Johannes von Würzburg über die heiligen
Stätten Jerusalems zeigt sich die christliche Umdeutung des
Felsendoms an ihrem Höhepunkt. Innerhalb
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des Bauwerks befanden sich zu seiner Zeit zahlreiche Schrifttafeln,
die auf Örtlichkeiten hinwiesen, an denen in erster Linie
neutestamentliche Ereignisse lokalisiert wurden.
Der Heilige Felsen wird von Johannes nicht mehr ausdrücklich als
bemerkenswert erwähnt, aber dem Ort, an dem seit 1114 der Altar
steht, wird eine Verbindung zu Jesus und Jakob zugeschrieben:
Auch die Christen fanden am Heiligen Felsen eine Fußspur, die
sie der Tempelreinigung zuschrieben. [43]
Es mag sein, daß es sich um die selbe "Fußspur" handelte,
die auch dem Propheten Mohammed zugeschrieben wurde. [44] Die Inschrift am Altarbild verkündet
weiterhin, daß dies der Ort der Darstellung Jesu im Tempel sei [45], und daß dort Jakob die
Himmelsleiter sah und einen Altar errichtete [46].
Auch der Höhle unter dem Felsen war in der Zwischenzeit eine neue
Funktion zugewiesen worden:
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Wilhelm verbindet den Felsen nur mit der Erscheinung des Engels, der
das Volk Israel mit der Pest schlug und der späteren Errichtung
eines Altars durch David. Die Existenz der Höhle erwähnt er
nur am Rande.
Es ist zu beobachten, daß die mittelalterliche Tradition, die den
Felsendom mit dem Standort des Tempels Salomos in Verbindung brachte,
sich dabei auf jüdische überlieferungen stützt. Diese
beruhten vor allem auf der Identifizierung des Heiligen Felsens mit dem
Ort des Allerheiligsten. War der Felsen für die jüdische
Tradition noch ein heiliger Ort durch den Umstand, daß er
zunächst der Standplatz der Bundeslade, dann nach einzelnen
Traditionen auch
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ihr Versteck war, so war er für die Christen lediglich eine Merkzeichen für den Standort des Tempels ohne den Nimbus des Heiligen. Erst nach der Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 durch die Kreuzfahrer wurden nach und nach neutestamentliche Episoden mit dem Felsen in Verbindung gebracht. Dabei trat schließlich der Felsen selbst immer mehr in den Hintergrund, bis die Traditionen weitgehend auf den Felsendom übertragen waren, der den Platz des Tempels einnahm. Der Heilige Felsen wurde nach der Mitte des 12. Jahrhunderts als solcher nicht mehr wahrgenommen, wie der Bericht des Johannes von Würzburg zeigt. Für die Muslime stand der Felsen im Mittelpunkt des Interesses, nicht das Gebäude des Felsendoms, was sich daran zeigt, daß sofort nach der Eroberung Jerusalems im Jahr 1187 die Marmorverkleidung entfernt wurde. Die Schwierigkeit, dem Templum Domini seine Rolle in der christlichen Topographie Jerusalems zuzuweisen, hing auch damit zusammen, daß die dem Heiligen Fels anhängenden jüdischen Traditionen auf die Grabeskirche übergegangen waren. [57] Es war also notwendig, neue Traditionslinien zu finden, die dem Felsendom zu einem ähnlichen Nimbus verhelfen konnten. Hier boten die Evangelienberichte von Jesu Taten im Tempel eine Fülle von Stoff [58] und auch die Marienlegenden konnten sich hier manifestieren. Dies hatte allerdings zur Folge, daß die ursprüngliche Tradition vom Ort des Allerheiligsten völlig unterdrückt wurde und der Tempel in die Reihe der anderen rein christlich-neutestamentlich geprägten Kultstätten in und um Jerusalem eintrat. Der Heilige Felsen hatte zwar zunächst als Kristallisationspunkt für die Legenden um den Tempel gedient und war damit der Ursprungsort auch aller christlichen Tempellegenden, mußte aber zugunsten des Felsendoms zurücktreten.
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1)Bernhard der Weise sprach um 1090
zunächst vom "Templum Salomonis", Fetellus, der um 1130 in der
Heiligen Stadt war, nennt das Bauwerk schließlich "Palatium
Salomonis".
2) Busse, 1982, S. 19.
3)Gorys, 1984, S. 122.
4) Nayhauss, 1988, S. 281.
5) Diese Vorstellung erinnert stark an die
Himmelsleiter des Jakob (1Mose 28, 10-12), die an derselben Stelle
lokalisiert wird.
6) Siehe Dalman, 1912, S. 110.
7) Im Jahr 1141 wurde das Templum Domini
als Marienkirche geweiht, was einerseits die islamischen
Marientraditionen fortführte (Busse, 1982, S. 28), andererseits
aber keinen Einfluß auf die Namensgebung des Gebäudes hatte
(Busse, 1982, S. 24).
8)BT, Nezikin, Vol. III, Sanhedrin 26b.
9) BT, Mo'ed, Vol. III, Yoma 53b.
10) Enchiridion, S. 445-446.
11) Matt 24,2.
12) 1. Kor 3, 16: "Wißt ihr nicht,
daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?"
13) Saewulf , S. 41.
14) Apg 3,2; 5,21.
15) Luk 1,13.
16) Luk 2,28.
17) Luk 2,46.
18) Matt 21,13.
19) Joh 2,19.
20) Joh 8,59.
21) Joh 8,3.
22) BT, Nezikin, Vol. III, Sanhedrin 26b:
"
A stone lay there [beneath the Ark] ever since the time of the Early
Prophets and it was called 'shethiyah'.".
23) Fulcher, Lib. I, Cap. XXVI, 5.
24) Fulcher, Lib. I, Cap. XXVI, 9.
25) Fulcher, Lib. I, Cap. XXVI, 7. Die
Tradition, nach der sich die Bundeslade im Inneren des Heiligen Felsens
befindet, findet sich im BT, Mo'ed, Vol. III, Yoma 35b.
26) Deu 28,36.
27) Mo'ed, Vol. III, Yoma 52b. Nezikin,
Vol. IV, Horayoth 12a überliefert den selben Bericht.
28) 2Chr 35,3.
29) Um diesen Widerspruch zu lösen
wurde die Überlegung angestellt, daß die Lade unter der
Herrschaft Manasses aus dem Tempel entfernt worden war, aber
während der Kultreform des Josia wieder in das Allerheiligste
zurückgebracht wurde (Dendl, 1993, S. 85).
30) Ginzberg, 1968, S. 633. Hagemeyer,
1913, S. 288, verweist auf die Rabbinen Maimonides (Beth Habech, Kap.
IV) und Kimchi, wonach König Salomo ein unterirdisches Versteck
für die Bundeslade habe vorbereiten lassen.
31) Syrische Baruchapokalypse 6, 4-8. Die
Kenntnis dieser Tradition kann auf den Kontakt der Kreuzfahrer mit
syrischen Christen zurückgehen.
32) "Ferner stand in der Schrift, wie der
Prophet [Jeremia; J. D.] infolge göttlichen Bescheids sich das
Zelt und die Lade nachtragen ließ, wie er zu dem Berge hinzog, wo
Mose hinaufgestiegen war und Gottes Erblande geschaut hatte. Als
Jeremia dahin kam, fand er eine geräumige Höhle und er
brachte das Zelt und die Lade und den Räucheraltar dort hinein und
verstopfte den Eingang. Einige seiner Begleiter kamen dann, um sich den
Weg zu merken, und sie konnten ihn nicht finden. Als das Jeremia
erfuhr, tadelte er sie und sprach: 'Der Ort soll unbekannt bleiben, bis
Gott sein Volk wieder zusammenbringen und sich gnädig erweisen
wird.'." (2Makk 2, 4-7).
33)Fulcher, Lib. I., Cap. XXVI, 8.
34) Fulcher, Lib. I., Cap. XXVI, 9.
35) 2Sam 24,1.
36) 2Sam 24,16.
37) Fulcher bezeichnet allerdings die
Moschee Al-Aqsa zur Unterscheidung vom Templum Domini als "Templum
Salomonis" (26, 10).
38) Fulcher war seit 1100 Kaplan am
Templum Domini und Hagemeyer, 1913, S. 290, geht davon aus, daß
der Felsen nicht vor 1107 überdeckt wurde.
39) Albert von Aachen, 6. Buch, 24.
Kapitel.
40) Als weitere Möglichkeit
wäre noch als reine Spekulation anzunehmen, daß der Zugang
zu der Höhle zunächst von einer Tür verschlossen war,
die erst nach der Eroberung durch die Christen aufgebrochen wurde.
Damit ließe sich die Nichterwähnung der Höhle bei den
früheren Chronisten erklären, doch paßt diese Annahme
nicht zu dem heutigen Zustand des Zugangs zur Höhle.
41) Mt 21,12-16; Mk 11,15-18; Luk 19,
45-47; Joh 2,13-16.
42) Enchiridion, S. 449.
43) Diese hatte schon Saewulf
erwähnt (s.o.).
44) Nach Johannes von Würzburg
befand sich die Fußspur "in dextra parte templi".
45) Luk 2, 22-24.
46) 1Mose 28, 10-22. Die Identifizierung
des Tempels mit "Bethel", wo Jakob die Himmelsleiter sah, ist eine
islamische Tradition (Busse, 1982, S. 27).
47) Joh 8,7.
48) Joh 8,11.
49) Der Name 'confessio' geht wohl auf
Apg 3,2.5,21 zurück. Saewulf hatte diesen Zusammenhang zwar
aufgezeichnet, aber nicht mit der Höhle in Zusammenhang gebracht.
50) Luk 1,13.
51) Enchiridion, S. 449.
52) Joh 8, 1-11.
53) Luk 1,5-22.
54) Luk 1,9; Joh 8,2.
55) Busse, 1982, S. 32, spricht von einem
"Konkurrenzkampf" beider Kirchen.
56) Wilhelm von Tyros, 8,3 (S. 387).
Auffällig ist die Nähe des Textes zur Chronik des Fulcher von
Chartres.
57) Busse, 1982, S. 22.
58) Zahlreiche dieser Episoden finden
sich auch in dem Gedicht über den Tempel des Achard von Arrouaise
(Paul Lehmann, Die mittellateinischen Dichtungen der Prioren des
Tempels von Jerusalem Acardus und Gaufridus, in: Corona Querena,
Leipzig 1941, S. 296-330). Achard erwähnt allerdings nicht die
Oblatio Mariae (Busse, 1982, S. 23).
Quellen und Literatur:
Albert von Aachen, Geschichte des ersten Kreuzzuges,
übers. v. Herman Haefele, Jena 1923
Donatus Baldi, Enchiridion Locorum Sanctorum (=Enchiridion),
Jerusalem: Franciscan Printing Press 1982
Die Bibel (nach der Übersetzung Martin Luthers), Stuttgart:
Deutsche Bibelgesellschaft 1985
Heribert Busse, Vom Felsendom zum Templum Domini, in: Das
Heilige Land im Mittelalter, Wolfdietrich Fischer/Jürgen Schneider
(Hg.), Neustadt a.d. Aisch 1982
Fulcheri Cartonensis, Historia Hierosolymitana (=Fulcher), H.
Hagemeyer (Hg.), Leipzig 1913
Guillaume de Tyre, Chronique, Corpus Christianorum, Continuatio
Medievalis LXIII, Turnholt 1986 [=Wilhelm von Tyros]
Gustaf Dalman, Der Heilige Felsen von Jerusalem, Leipzig 1912
Jörg Dendl, König Josia und die Lade, in: G.R.A.L.
3/1993, S. 85
Louis Ginzberg, Legends of the Bible, Philadelphia: Jewish
Publ. Soc. 1968
Erhard Gorys, Das Heilige Land, Köln: DuMont 1984
Hagemeyer siehe Fulcheri Cartonensis
Emil Kautzsch, Die Apokryphen und Pseudoepigraphien des Alten
Testaments, Darmstadt:Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975
Teddy Kollek/Moshe Pearlman, Jerusalem, Hamburg:
Hoffmann & Campe 1976
Jerry M. Landay, Felsendom, Vaduz: Worldbooks 1976
Hans-Christoph Graf von Nayhauss, Heilige Stätten -
Pilgerziel Jerusalem, Pforzheim: Goldstadtverlag 1988
The Pilgrimage of Saewulf to Jerusalem (=Saewulf), in: Library
of the Palestine Pilgrim«s Texts Society, Vol. IV, New York: AMS
Press 1971
The Babylonian Talmud (=BT), I. Epstein (Hg.), London: Soncino
Press 1961
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