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Die Suche nach dem Mythos
Aktuelles
zur Atlantis-Frage
von Jörg Dendl |
Letztes Update:
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| Inhalt | |
|---|---|
| Überblick zur Atlantisforschung | 10.05.2001 |
| Wo lag Atlantis? | |
| Atlantis und Xochicalco | 01.07.2003 |
| Atlantis gefunden? Die These von Jaques Collina-Girard |
|
| Buchbesprechung:
"Platons Insel Atlantis" von Ulrich Hofmann |
01.05.2006 |
| Atlantis-Register | |
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Ein Überblick zur Atlantisforschung
©2001 by Jörg Dendl
Der Atlantismythos beschäftigt seit der Abfassung der Dialoge
"Timaios" und "Kritias" des Philosophen Platon vor fast 2400 Jahren die
Menschen. Nach unterschiedlichen Schätzungen sind in dieser Zeit
zwischen 5000 und 40.000 Publikationen erschienen, die sich mit der
Frage befassen, ob Atlantis einst wirklich existierte. Die Hauptmasse
dieser Veröffentlichungen fällt dabei in die letzten 100
Jahre. Und bis heute ist diese Reihe nicht abgerissen.
Was steckt hinter der Geschichte von Atlantis, wie Platon sie
erzählt? Kann der Bericht des "Kritias" als historische Wahrheit
angesehen werden?
Die große Masse der Atlantis-Autoren ist der Überzeugung,
Atlantis habe einst wirklich existiert und sie führen zahllose
Argumente für die Richtigkeit dieser Annahme an. Dabei divergieren
die Ansichten dieser Autoren in extremer Weise. Kaum zwei Autoren sind
sich wirklich einig, wenn es darum geht, die versunkene Insel zu
lokalisieren. Die Streuung der Lokalisierungsversuche reicht vom
Nordkap über den Atlantik bis ins Mittelmeer, den afrikanischen
Kontinent, nach Tibet, Australien bis hin in die Antarktis.
Die Geschichte der modernen Atlantisforschung beginnt im 17.
Jahrhundert mit den Veröffentlichungen des Jesuitenpaters
Athanasius Kircher. Seine Atlantis-Karte wird bis heute in der
Literatur abgedruckt. Seine Überlegungen zur Interpretation der
Mythe des Platon werden dagegen ignoriert. Der, am Erflog seiner
Bücher gemessen, erfolgreichst Atlantis-Autor ist zweifellos
Ignatius Donnelly. Sein Buch "Atlantis - The Antediluvian World" wurde
bis heute 50 mal aufgelegt. Mit diesem Buch begann der Boom, der bis
heute nicht abgerissen ist. Die Anzahl der Atlantis-Lokalisationen
steigerte sich seither auf ein ungeahntes Maß.
Bei dieser Fülle von Ansichten erscheint es sinnvoll, zum Inhalt
des eigentlichen Textes zurückzukehren und ihn vor dem Hintergrund
der Abfassungszeit zu analysieren. Was konnte Platon wissen? Wie sah
sein Weltbild aus? Gab es Vorbilder und Quellen für seinen Mythos?
Die Ilias, der Gesang des Homer vom Trojanischen Krieg, und die
Odyssee, die Abenteuer des Helden Odysseus, scheinen eine ganze Anzahl
von Vorbildern für den Atlantis-Mythos geliefert zu haben. Ebenso
erweist sich das Werk des lange vor Platon schreibenden "Vaters der
Geschichtsschreibung", Herodot, als eine naheliegende Quelle nicht nur
für den Namen "Atlantis", sondern auch für zahlreiche andere
Details der Geschichte. Diese Quelle werden von den zahlreichen
Atlantis-Autoren bisher als Parallelüberlieferungen angesehen.
Naheliegender erscheint, sie als Vorläufer zu sehen.
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| Homer | Herodot |
| Die Werke des Homer und des Herodot lieferten sicherlich die Vorbilder für einen Teil des Atlantis-Mythos. | |
Es gibt aber nicht nur unkritische, von den geologischen und historischen Grundlagen weit abweichende Interpretationen des Atlantis-Mythos, sondern auch mehr ins philosophische gehende Überlegungen, die allerdings nur von wenigen Historikern und Philosophen vertreten werden.
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Wo lag Atlantis?
©2001 by Jörg Dendl
Dieser Text ist eine überarbeitete Version des
unter dem Titel "Atlantis und Atlantik" in G.R.A.L. 4/1995, S. 246-250,
publizierten Aufsatzes.
Im größten Teil der Werke, in denen die Existenz der Insel Atlantis nachgewiesen werden soll, wird ein recht großer Aufwand getrieben, die Lage der versunkenen Insel zu bestimmen. Dabei wird bevorzugt eine der folgenden Lösungen angeboten:
Alle diese Lokalisierungen werden von den Autoren mit einer Vielzahl von Argumenten verteidigt. Es soll im folgenen gezeigt werden, daß nur die in Punkt 1) angegebene Lokalisation den Details entspricht, die Platon über die Lage der Insel Atlantis mitteilt. Zu dieser Analyse stehen eine Reihe von Textstellen in den Dialogen Timaios und Kritias zur Verfügung, die bei eingehender Betrachtung genau das Bild von der Lage von Atlantis liefern, das am weitesten anerkannt ist. Dieser Beweisgang erscheint an sich unnötig. Da aber mit Hilfe unzähliger Argumente versucht wurde, diese Lokalisation zu erschüttern, ist es unumgänglich, diesen Argumentationen den textimmanenten Nachweis entgegenzustellen, daß Platons Atlantis nur im Atlantischen Ozean lokalisiert werden kann und an keiner anderen Stelle des Erdballs. Dadurch schränkt sich auch die Zahl der in einer weiteren Untersuchung zu berücksichtigenden Theorien ein, da nur noch solche betrachtet werden müssen, die Atlantis mit dem Atlantik in Zusammenhang bringen.
Die Versuche, Atlantis an einer anderen Stelle als mitten im Atlantik zu lokalisieren, sind, wie gesagt, vielfältig und verwenden eine Reihe von Argumenten, die von der Analyse des Sprachgebrauchs bei Platon bis hin zu geologischen Argumenten reichen. Hier sollen alle Hinweise untersucht werden, die Platon für die Lage der Insel Atlantis gibt. Dabei ist auch darauf zu achten, ob er sich in seinem eigenen Text möglicherweise widerspricht, was auf die Bearbeitung einer ihm vorliegenden Quelle hinweisen könnte, deren Angaben er für seine Zwecke veränderte.
Der erste Hinweis, den Platon auf die Lage der Insel Atlantis gibt,
findet sich am Beginn der Erzählung des Kritias über den
Krieg gegen die Völker des Mittelmeeres. Dort heißt es: "Sie
waren aus der Fremde vom atlantischen Meer her gekommen." (Tim 24e).
Hier findet sich die Bezeichnung für den Ozean, die seit Herodot
für dieses große Meer im Westen des europäischen
Festlandes gebraucht wurde: Atlantisches Meer. Nach Herodot ist das
"... jenseits der Säulen des Herakles beginnende ..." Meer das
"atlantische Meer" (Historien I 202). Eindeutiger wird die
Lokalisierung der Insel Atlantis, wenn Platon vom Atlantischen Meer
sagt: "... denn vor dem Eingange, den ihr, wie ihr sagt, ´die
Säulen des Herakles´ nennt, besaß es eine Insel" (Tim
24e). Wichtig ist hierbei, daß Platon davon spricht, die Insel
habe "vor dem Eingang" gelegen. Oftmals wurde in der Atlantisliteratur
gerade an dieser Stelle eine Argumentation angewandt, die auf einer
falschen Übersetzung beruht. Dadurch wurde es möglich,
Atlantis anders zu lokalisieren. So führt K.A. Folliot aus: "The
expression 'in front of' the Straits has been invariably been
interpreted by modern Atlantologists as meaning 'beyond' the Straits,
for nowadays 'crossing the Straits' means passing from the
Mediterranean into the Atlantic or from the Atlantic into the
Mediterranean, in an easterly or westerly direction. Consequently, the
priest's statement has always been understood to mean that Atlantis lay
'beyond' the Straits, somewhere in the Atlantic. But the expression
used by Plato which is commonly translated as 'in front of' really
means 'opposite', and this is the real meaning of the words used by the
Egyptian. He simply stated that Atlantis lay 'opposite', that is to say
'on the other side of' the Straits, which makes a great deal more sense
in view of geographical knowledge of his day." (Folliot, S. 57).
Infolge dieser Argumentation kommt die Autorin zu dem Schluß,
Atlantis habe auf der "anderen Seite" der Straße von Gibraltar
gelegen, wenn ein Schiff die Küste Nordafrikas entlang auf die
Meerenge zufuhr, und damit sei die Iberische Halbinsel mit Atlantis
identisch. Sie unterliegt bei dieser Annahme einem schwerwiegenden
Irrtum, der in erster Linie darauf basiert, daß sie das
angeführte Zitat aus dem Timaios nicht richtig analysiert. Platon
spricht davon, daß Atlantis "vor" (grch.: pro) dem
"Eingang" (grch.: stoma), den "Säulen des Herakles",
anzusiedeln sei. Die Autorin verwendet die englische Übersetzung
des Timaios von Jowett, der das griechische Wort stoma
mit "Strait" (Meerenge, Straße) übersetzt. Sie irrt sich,
wenn sie glaubt, das griechische Wort pro mit "opposite"
(gegenüber) ersetzen zu können, es bedeutet in jedem
Zusammenhang immer "vor" oder "in front of", wie es sich bei Jowett
findet. Folliot geht sogar noch weiter, wenn sie schließlich
"opposite" durch "on the other side of" (auf der anderen Seite von)
ersetzt. Dadurch erhält der Satz des Platon einen völlig
anderen Sinn, hier in Deutsch: "Auf der anderen Seite der Meerenge, die
von euch die Säulen des Herakles genannt wird." Unter dieser
Vorgabe gelangt die Autorin zu dem Schluß, Platon habe nicht eine
Blickrichtung gemeint, die aus dem Mittelmeer heraus in den Atlantik
weist, sondern von der nordafrikanischen Küste zur Iberischen
Halbinsel. Da aber pro nicht in dem von Folliot vorgeschlagenen
Sinne "gegenüber" verwendet werden kann, sondern in seiner
Bedeutung dem englischen "in front of" und dem deutschen "vor"
entspricht, ist diese Auslegung des Satzes nicht richtig. Das "vor" ist
ganz eindeutig so zu verstehen, daß die Insel Atlantis vor der
Meerenge der Säulen des Herakles im Atlantik liegt. Folliot
interpretiert das Straits Jowetts mehr im Sinne von
"Straße", was sie offensichtlich dazu führte, an zwei Seiten
einer solchen zu denken, auf deren einer, der Afrika
gegenüberliegenden, sich Atlantis befand. Platon verwendet das
Wort stoma, was "Mündung", "Öffnung (eines Ganges)"
oder "Ausgang" bedeuten kann und in der deutschen Übersetzung des
Timaios von H. Müller und F. Schleiermacher als "Eingang"
wiedergegeben wird. Damit richtet Platon den Blick des Lesers aber
durch diese "Öffnung" hindurch in den Atlantik hinaus, und nicht
auf eine ihrer beiden Seiten, wenn er davon spricht, daß etwas
"vor" dieser liegt.
Die Analyse dieses Satzes kann nur zu folgendem Schluß
führen: Die Insel Atlantis liegt nach Tim 24e eindeutig in
Blickrichtung aus dem Mittelmeer heraus vor der Straße von
Gibraltar im Atlantik. Zur Argumentation von K.A. Folliot sei noch
bemerkt, daß sie sich nur auf diese eine Stelle des Timaios
stützt, um Atlantis mit Spanien zuz identifizieren, wogegen die
hier noch zu besprechenden weiteren Hinweise auf die Lage der Insel
Atlantis diesen Schluß nicht zulassen.
Am Beginn der Atlantis-Erzählung des Kritias im Dialog Kritias greift der Redner auf das im Timaios gesagte zurück: "Als erstes von allem wollen wir uns erinnern, daß sich als Summe 9000 Jahre ergaben, seitdem, wie gezeigt wurde, der Krieg zwischen den jenseits außerhalb der Säulen des Herakles und allen innerhalb Wohnenden stattfand." ( Krit 108e) Um die Angreifer zu charakterisieren, benennt Platon sie als "jenseits der Säulen des Herakles außerhalb" wohnend. Auch nach diesem Satz ist kein anderer Ort für die Herkunft der Atlanter denkbar als der Atlantik, das außerhalb der Säulen des Herakles liegende Meer. Dies wird besonders deutlich durch den Gegensatz zwischen denen, die "innerhalb" der Meerenge leben und denen, die "außerhalb" wohnen. Wieder richtet sich der Blick des in Griechenland für Griechen schreibenden Autors aus dem Mittelmeer durch die Straße von Gibraltar auf den Atlantik. Für Platon sind die Völker des Mittelmeeres "innerhalb" der Säulen des Herakles angesiedelt, die Atlanter aber außerhalb, also im Atlantik. Bei der Iberischen Halbinsel war den Griechen bewußt, daß sie Küsten hat, die einerseits dem Atlantik, andererseits dem Mittelmeer zugewandt sind. Platon hätte nicht von einer "Insel vor den Säulen des Herakles" gesprochen, wenn er dieses Land gemeint hätte.
Das stärkste Argument für eine Lokalisierung der Insel
Atlantis im Atlantik vor der Meerenge, die den Ozean mit dem Mittelmeer
verbindet, liefert der Bericht über die Verteilung der
Herrschaftsbereiche auf die zehn Söhne des Poseidon. Seine Gattin
Kleito gebar dem Gott fünf Zwillingspaare, die von ihrem Vater als
Könige über Atlantis eingesetzt wurden. Genaue Angaben
über die jeweiligen Herrschaftsgebiete macht Platon nur bei zweien
von ihnen: dem Erstgeborenen Atlas und seinem nachgeborenen
Zwillingsbruder Eumelos. Dem Atlas, als Erstgeborenem seiner
großen Kinderschar, wies der Gott "... den mütterlichen
Wohnsitz und den diesen rings umgebenden Anteil [der Insel Atlantis]
..." zu (Krit 114a) und er wurde zum König über seine
Brüder eingesetzt. Sein nachgeborener Bruder Eumelos erhielt
dagegen den "... Anteil des äußersten Inselbezirkes von den
Säulen des Herakles bis zum heutigen Gadeirischen Gebiet ..."
(Krit 114b). Es handelt sich dabei um einen der Anteile an der Insel
Atlantis, den jeder der Brüder bekam. Es erscheint an dieser
Stelle müßig, zu belegen, daß Platon hier wirklich
einen Anteil an der Insel Atlantis selbst meinte, aber auch diese
Textstelle wurde verwendet, um zu belegen, daß Atlantis mit
Spanien identisch ist. Durch die Erwähnung des Gadeirischen
Gebietes in Spanien wurden einige Autoren zu dem Schluß
veranlaßt, das Herrschaftsgebiet des Eumelos hätte auf der
Iberischen Halbinsel gelegen. Uwe Topper folgt seiner Annahme, Atlantis
und die Iberische Halbinsel wären identisch und weist deshalb auch
dem Eumelos einen Anteil an Spanien zu, und zwar die Gegend um das
heutige Cadiz, die bei den Griechen "Gadeirike" benannt wurde (Topper,
S. 47). Topper wählte die Iberische Halbinsel für seine
Atlantis-Lokalisation, da seiner Ansicht nach nur dieses Gebiet
Atlantis gewesen sein könne, " ... wenn wir nicht ein völlig
neues Land erfinden wollen, etwa eine riesige Insel im Ozean, deren
Existenz von allen Geologen und Meeresforschern für unmöglich
gehalten wird." (Topper, S. 46). Daß seine Identifikation des
Herrschaftsgebietes des Eumelos nicht mit den textlichen Vorgaben
Platons zu vereinbaren ist, fällt dem Autor anscheinend nicht auf,
da er die daraus entstehenden Probleme nicht diskutiert.
Nach Platons Aussage befand sich dieses Gebiet "vor" den Säulen
des Herakles und nicht "über" ihnen, wie es wohl formuliert sein
müßte, wenn Platon ein Gebiet hätte bezeichnen wollen,
das an der iberischen Atlantikküste lag. Das "vor" legt die
Lokalisierung wieder eindeutig fest, es gibt kein Ausweichen nach
Norden oder Süden. In der kurzen Beschreibung der Herrschaft des
Eumelos gibt Platon auch einen Einblick in die Ausdehnung des Landes.
Der Anteil des Eumelos erstreckt sich "von den Säulen des Herakles
bis zum heutigen Gadeirischen Gebiet", womit die
Nord-Süd-Ausdehung dieses Gebietes gemeint ist.
Ein Beispiel für diese Art der Größenbeschreibung von
Inseln in der antiken Literatur liefert die Beschreibung der Insel
Sardinien. Diese Insel galt in der Antike als eine der
größten Inseln des Mittelmeeres, da ihre Größe
anhand von Vergleichen mit dem italienischen Festland festgestellt
wurde. "Die verkehrten Vorstellungen sind bedingt durch die Länge
Italiens, da S. einmal bis Poulonis reichen soll, andererseits bei
Sizilien und Libyen liegt. <...> Wenn es von S. nach Libyen nur
2/3 der Entfernung ist, wie die angebliche Entfernung Sardo-Sicilia, so
wird S. so weit nach Süden auf den antiken Karten gerückt,
daß es mindestens auf einen Parallel mit der Straße von
Messina fällt."
Auf dieselbe Weise werden für die Abmessungen des
Herrschaftsgebietes des Eumelos auf dem östlichen Teil der Insel
Atlantis Landmarken an den gegenüberliegenden Küsten gesucht.
Die Erwähnung des "Gadeirischen Gebietes" als eine dieser
Landmarken hat in der Atlantisforschung zu viel Verwirrung
geführt. Was Platon zu dem Namen "Gadeiros", dem Beinamen des
Eumelos, im Kritias niedergelegt hat, muß seinem Bestreben
zugeschrieben werden, alles, was Atlantis betraf, zu mystifizieren. In
der Erdbeschreibung des "Pseudo-Scymnus" heißt es: "[Gadeira] ...
ist eine berühmte Stadt, entstanden als Kolonie tyrischer
Kaufleute, ..." (V 150). Der griechische Name "Gadeira" für diese
um 1100 v.Chr. von Phoinikiern gegründete Stadt geht auf die
phoinikische Namensform "Gadir" zurück, was soviel wie "Burg" oder
"Festung" bedeutet. Die Behauptung des Kritias, "Gadeiros" sei eine
atlantische Namensform, was durch seine Formulierung "... in der
Landessprache ..." (Krit 114b) angedeutet wird, ist demnach eine recht
platte Erfindung, da es zur Zeit des Platon jedem seiner Zeitgenossen
bekannt gewesen sein muß, daß der Name der Stadt Gadeira
griechisch war. Die Benennung des "Gadeirischen Landes" erfolgte nach
der Stadt Gadeira, und nicht nach einem mythischen König mit Namen
Gadeiros. Zu diesem Komplex bleibt festzuhalten: Das
Herrschaftsgebiet des Eumelos ist ein Teil der Insel Atlantis und liegt
"vor" der Straße von Gibraltar im Atlantik, gegenüber dem
Gebiet von Gades.
Noch zwei weitere Argumente für die Lokalisierung der Insel Atlantis im Atlantik sind hinzuzufügen, die ohne genaue geographische Angaben diesen Ansatz stützen. Platon erwähnt summarisch die acht Brüder des Atlas und des Eumelos und schließt diesen Abschnitt folgenderweise: "Diese alle nun selbst [die Poseidonsöhne] sowie deren Nachkommen wohnten hier [auf der Insel Atlantis] über viele Geschlechter und beherrschten viele andere im Atlantischen Meer gelegene Inseln ..." (Krit 114c). Atlantis ist eine von vielen Inseln im Atlantik, wie sich hier zeigt. Mit dem Wörtchen "andere" wird angedeutet, daß es eine Anzahl von Inseln im Atlantik gibt, zu denen Atlantis zu zählen ist und von denen die Atlanter einige beherrschen. Wird aber Atlantis im Mittelmeer angesiedelt, ist es kaum möglich, Argumente dafür zu finden, wieso die Atlanter Inseln im Atlantischen Meer beherrschen konnten, die weit ab von ihrem eigentlichen Ursprung liegen. Ganz besonders spricht diese Stelle gegen eine Identifikation der Insel Atlantis mit dem minoischen Kulturkreis. Es gibt keine mögliche Erklärung für den Umstand, wieso die Minoer zwar Inseln im Atlantik beherrschten, aber dann noch einen Feldzug unternehmen mußten, um die "innerhalb der Säulen des Herakles wohnenden Völker" zu unterwerfen. Nach dem Kritias war die Herrschaft über diese atlantischen Inseln die Voraussetzung für den Angriff auf die am Mittelmeer lebenden Völker. Die Herrschaft der Atlanter über die "anderen" Inseln des Atlantischen Meeres weist darauf hin, daß Atlantis als eine dieser atlantischen Inseln gedacht ist.
Ganz am Schluß soll das Größenargument noch
hinzugefügt werden. Wenn Platon behauptet, die Insel Atlantis
wäre "größer als Libyen und Asien zusammengenommen"
(Tim 24e) gewesen, schließt das eine Lokalisierung innerhalb des
Mittelmeeres aus, da auch Platon bewußt gewesen sein muß,
daß die Insel zu groß für dieses Meer wäre. Nun
gingen einige Autoren dazu über, diese Größenangabe auf
der sprachlichen Eben zu entkräften. Dabei wurde versucht, dem
griechischen Wort "meizon" eine andere Bedeutung zu geben. Dabei sind
die einzelnen Ansätze unterschiedlich. J.V. Luce weist auf die
Ausführungen von P.B.S. Andrews hin, der anmerkte, es habe bei der
überlieferung des Atlantis-Berichts wohlmöglich eine
Verwechslung der Worte "meizon" und "meson" gegeben (Luce, S. 53).
"meizon", wie Platon es im seinem Text verwendet, bedeutet
"größer", aber "meson" heißt "inmitten". Korrigiert
müßte der betreffende Satz demnach lauten: "... inmitten von
Libyen und Afrika ...". Andrews sieht dadurch die Möglichkeit als
gegeben an, Atlantis habe zwischen Libyen und Asien, also im
östlichen Mittelmeer gelegen. Zunächst einmal basiert diese
These auf einer bloßen Annahme, die durch keinen Beleg
gestützt wird, dann setzt sie Aufzeichungen Solons voraus, die
nach Platon in dieser Form nicht vorlagen und berücksichtigt
zuletzt nicht die anderen Hinweise Platons auf die tatsächliche
Lage der Insel Atlantis im Atlantik.
Daneben gibt es noch eine These, die eine andere Auslegung zulassen
soll. Es wurde auch vermutet mit "meizon" sei "groß" im Sinne von
"bedeutend" gemeint, wonach der Staat der Atlanter bedeutender als die
genannten Landschaften sei. Wieso aber Platon zu diesem Vergleich zwei
Gebiete heranzieht, die bis zur Zeit Platons
verhältnismäßig unbedeutende Rollen in der antiken
Geschichte gespielt hatten, bleibt offen. Die Größenangabe
"größer als Lybien und Asien zusammen" impliziert, daß
Atlantis nicht als Insel im Mittelmeer gedacht gewesen sein kann.
Alle hier vorgestellten Textabschnitte aus den Dialogen Timaios und Kritias konnten schon einzeln als Belege dafür angeführt werden, daß Atlantis im Atlantik lag. Werden diese Belege aber als zusammenhängende Beschreibung der Lage der Insel Atlantis aufgefaßt, so ergibt sich ein noch deutlicheres Bild: Vor der von den Säulen des Herakles gebildeten Meerenge liegt eine Insel, die sich in Nord-Süd-Richtung von der Höhe der Säulen des Herakles bis zum Gebiet von Gades erstreckt und insgesamt "größer als Libyen und Asien" ist, von der aus eine Anzahl weiterer Inseln beherrscht werden, die sich im Atlantik befinden. Von dieser Insel aus stießen die Armeen der Bewohner in das Mittelmeerbecken vor, um die "innerhalb" der Säulen des Herakles wohnenden Völker zu unterwerfen.
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Atlantis - gefunden?
©2001 by Jörg Dendl
Am 19. September 2001 wurde auf der Homepage des "New Scientist" unter dem Titel Sea level study reveals Atlantis candidate (von Jon Copley) die Meldung publiziert, der französische Anthropologe Jacques Collina-Girard von der Université de la Méditerrané in Aix-en-Provence habe im Zuge seiner Forschungen über die Migration der eiszeitlichen Menschen in der Zeit um 17.000 v. Chr. von Europa nach Nordafrika eine versunkene Insel entdeckt, die direkt vor der Straße von Gibraltar im Atlantik lag und damit ein wichtiges Kriterium für ihre mögliche Identifizierung als die von Platon beschriebene mythische Insel Atlantis aufweist.
Um 17.000 v. Chr. lag den Ergebnissen des Forschers zufolge der
Meeresspiegel 130 m tiefer. Damit lag zu dieser Zeit eine von Osten
nach Westen 14 km lange und von Norden nach Süden 5 km breite
Insel vor der Straße von Gibraltar. Collina-Girard gab ihr den
Namen "Spartel-Island". 9000 v. Chr. begann das Meer durch das
Abschmelzen der Gletscher anzusteigen, wobei der Wasserspiegel um 2 m
pro Jahrhundert angehoben wurde und die Insel allmählich versank.
Der französische Forscher weist nun auch auf die
Übereinstimmung der Datierung des Atlantis-Untergangs, 9000 Jahre
vor Platon, hin, was anscheinend eine weitere gute Übereinstimmung
zwischen geologischem Ergebnis und Sage ergibt.

Nun darf aber auch diese Entdeckung hinsichtlich der im Dialog "Kritias" ausgebreiteten Details zum Staat der Atlanter nicht überbewertet werden. Collina-Girard selbst wird in dem "New Scientist"-Artikel mit der Ansicht zitiert: "As for an advanced Atlantean civilisation, Collina-Girard points to Plato´s own admission that he grafted these details onto the tale to present his ideas about a Utopian society." Damit hält er zwar die Überlieferung des Untergangs der Insel für möglich, aber nicht die Existenz der von Platon so ausführlich beschriebenen Zivilisation auf Atlantis. Diese entspricht, obwohl Platon verschiedentlich versucht, ihr "barbarische" Züge zu geben, völlig der griechischen Zivilisation der Lebenszeit Platons und enthält keine Elemente, die als "echt vorzeitlich" anzusehen wären. Die Betonung, der beschriebene Tempel sei "barbarisch" widerspricht dessen vollständig griechischen Prinzipien entsprechenden Bauform und Anlage, auch ist die Erwähnung von Elefanten auf der Insel , übrigens die erste seit Herodot in der griechischen Literatur, nur als Element des Phantastischen, nicht als echte Kenntnis zu werten.
Es kommen noch einige Punkte an der neu entdeckten Insel hinzu, die mehr an einen Zufall denken lassen, als an echte historische Kenntnisse Platons oder seiner angeblichen Gewährsleute. Die Größe von "Spartel-Island" beträgt nur 14 km in der Länge und 5 km in der Breite. Nach Platons Angaben war die Insel Atlantis aber so groß "wie Libyen und Asien" (Tim 24e) zusammen, selbst die "Große Ebene" hatte demnach eine größere Ausdehnung als die jetzt lokalisierte Insel. Gegen diese Argumentation führt Collina-Girard nach "New Scientist" ins Feld, es habe bei der Überlieferung wohl einen Fehler bei diesen Größenangaben gegeben. Dieses Argument wurde schon verschiedentlich gebraucht, um unterschiedliche andere Lokalisationen der Insel Atlantis zu verteidigen. Doch bisher verfing keines dieser Argumente, da dann andere Details der Beschreibung wiederum außer acht gelassen werden mußten.
Auch das von Collina-Girard angeführte Untergangs-Szenario erfüllt nicht die von Platon geschilderten Umstände. Der Philosoph schreibt, einst sei eine athenische Armee an einem Tag und in einer Nacht durch "Erdbeben und Fluten" (Tim 25c) untergegangen, und "in ähnlicher Weise" sei auch die Insel Atlantis "von der See verschlungen" worden (Tim 25d). In dieser Beschreibung liegt die Betonung auf dem Umstand, daß der Untergang sehr schnell erfolgte, also kaum von einem Ereignis die Rede sein kann, bei dem der Meeresspiegel in Hundert Jahren um 2 Meter anstieg. Schon Pitman und Ryan wiesen in ihrem Buch "Noah´s Flood" darauf hin, daß ein solch langsamer Anstieg bei den frühen Kulturen kaum einen Eindruck hätte hinterlassen können. Dabei setzten die Autoren die Ackerbaukulturen des 7. Jahrtausends v. Chr. voraus, die schon seßhaft waren. Auf die nomadisch lebenden Sammler und Jäger der Zeit um 17.000 v. Chr. dürfte also dieser extrem langsame Anstieg überhaupt keinen Eindruck gemacht haben, denn sie wichen dem nicht katastrophal ansteigenden Wasser einfach aus. Es ergibt sich somit kein Szenario ähnlich der Schwarzmeer-Flut um 6500 v. Chr., wo das Wasser im Becken des Schwarzen Meeres um 2 Meter pro Woche anstieg, also um über 100 Meter in einem Jahr. Der Anstieg des Wasserspiegels an der Straße von Gibraltar dauerte 6500 Jahre, bis die heutige Höhe erreicht war.
Der langsame Untergang von "Spartel-Island" dürfte allerdings auch nicht ohne Folgen für die damalige Menschheit gewesen sein. Collina-Girard weist nach "New Scientist" darauf hin, daß die Küsten von Spanien und Marokko zur Zeit der Existenz der Insel bewohnt waren, und wohl auch Seefahrer dieser Zeit die Insel und andere Inseln erreichen konnten. Daß also diese Insel bewohnt war, ist nicht auszuschließen. Dabei richtet er auch den Blick auf die Ströme der Siedler zu dieser Zeit. Um 18.000 v. Chr. breitete sich eine prähistorische Kultur in Marokko aus, bei der bisher angenommen wurde, sie sei aus dem Osten gekommen, nun hält er eine Herkunft auch aus dem Norden für möglich.
Die Entdeckung von "Spartel Island" wird fraglos für zahlreiche neue Spekulationen über die historische Existenz von Atlantis Anlaß geben, daß werden die nächsten Wochen zeigen. Aber diese Insel, auch wenn sie 130 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, gibt die einzigartige Gelegenheit, die Vermutungen durch archäologische Untersuchungen zu überprüfen. Dimitri Petko und Robert Ballard fanden im Schwarzen Meer Spuren der dort in der Schwarzmeer-Flut untergegangenen Zivilisation, womit eine gründliche Untersuchung von "Spartel Island" durch Unterwasserarchäologen sicherlich ebenfalls Spuren von Menschen finden wird, wenn die Insel besiedelt war. Für Spekulationen wird wenig Raum bleiben.
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Buchbesprechungen
1) Ulrich Hofmann: Platons Insel Atlantis (Norderstedt 2004, ISBN 3-8334-1412-X)
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Atlantis im Internet
Text des "Timaios" (englische Übersetzung von
Jowett): Timaios
Text des "Kritias" (englische Übersetzung von Jowett): Kritias
Weitere Links zu deutschen Wiedergaben der Ergebnisse von Jaques Collina-Girard:
Wurde
Atlantis gefunden? bei Yahoo!Schlagzeilen vom 20. September 2001
Lag
Atlantis doch vor Gibraltar? in der Berliner Morgenpost vom 20.
September 2001
Atlantis
lag vor Gibraltar Spiegel-Online vom 20. September 2001
Besuchen Sie auch die Atlantis-Seite von Dr. Klaus Richter.
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Über den Atlantis-Vortrag von Jörg Dendl am 02. Dezember 2004 in der VHS Lahr schreibt Christel Seidensticker in der Lahrer Zeitung.
| Stichwortverzeichnis | |
|---|---|
| [Tim = Timaios / Krit = Kritias] Personen Geographie Verschiedenes |
|
| Personen | |
| Amasis | Tim 21e |
| Ampheres | Krit 114b |
| Amynandros | Tim 21c |
| Athene (auch: die Göttin) | Tim 21e, 23d, 24c, 24d; Krit 109c, 110b, 112b |
| Atlas | Krit 114b |
| Autochthon | 114c |
| Deukalion | Tim 22a |
| Diaprepes | Krit 114c |
| Dropides | Tim 20e |
| Elasippos | Krit 114c |
| Eumaion | Krit 114b |
| Eumelos | Krit 114b |
| Gadeiros | Krit 114b |
| Helios | Tim 22c |
| Hephaistos | Tim 23e; Krit 109c, 112b |
| Hesiodos | Tim 21d |
| Homeros | Tim 21d |
| Kleito | Krit 113d, 116c |
| Kritias | Tim 20e, 21a, 21b, 21d, 25d |
| Kekrops | Krit 110a |
| Leukippe | Krit 113d |
| Mestor | Krit 114c |
| Mneseus | Krit 114b |
| Neith | Tim 21e |
| Niobe | Tim 22a |
| Phaeton | Tim 22c |
| Phoroneus | Tim 22a |
| Phyrra | Tim 22a |
| Poseidon (auch: der Gott) | Krit 113c, 115c, 116c, 116d, 119c, 119d, 120b, 120d, 121a |
| Solon | Tim 20e, 21a, 21b, 21c, 21d, 21e, 22b, 23b, 23c, 23d, 25d, 25e |
| Zeus | Krit 121b |
| geographische Begriffe | |
| Ägypten | Tim 21e, 25b, 21c; Krit 114c |
| Asien | Tim 24e; Krit 108e, 112e |
| Asopos | Krit 110e |
| Atlantis | Tim 25a, 25d; Krit 108e, 113c, 113e |
| Eridanos | Krit 112a |
| Europa | Tim 25b; Krit 112e |
| Hellas | Krit 112e |
| Illissos | Krit 112a |
| Isthmos | Krit 110d |
| Kithairon | Krit 110e |
| Libyen | Tim 25b, 24e; Krit 108e |
| Lykabetos | Krit 112a |
| Nil | Tim 22d |
| Oropia | Krit 110e |
| Parnes | Krit 111c |
| Phelleus | Krit 111c |
| Pnyx | Krit 112a |
| Sais | Tim 21e |
| Thyrrhenien | Krit 114c |
| Verschiedenes | |
| Elefanten | Krit 114e |
| Erdbeben | Tim 25c |
| Götter | Tim 22d, 24d; Krit 109b, 109c, 113b, 117c, 121c |
| Insel | Krit 114a, 118b |
| Meer (der Atlantik) | Tim 24c; Krit 114a, 114c |
| Oreichalkos | Krit 114e, 119d |
| Pelagos | Tim 24e, 25a, 25d; Krit 109a, 111a, 114a, 114c |
| Stier | Krit 119d, 119e |
| Thalatta | Tim 22d, 25d; Krit 111a, 113c, 113d, 115d, 116a, 117d, 117e, 118a, 118d |
| Überschwemmung | Tim 25c, 23b, 23c; Krit 111a, 112a |
| Wasserflut | Tim 22a |
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