Die Frau des LiederdichtersAus dem Leben der Anna Maria Gerhardtvon Petra Roeder ©2006Letztes Update: 13. November 2011 |
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Zum 400. Geburtstag Paul Gerhardts erschien im Verlag Jörg Dendl der aktuellen Roman zu seiner Zeit in Berlin, geschildert aus der Perspektive seiner Frau Anna Maria:
Lesen Sie einen
Ausschnitt aus dieser Milieustudie des Berlins des
17. Jahrhunderts:
Geh aus mein Herz
und suche Freud
Ein
Ausschnitt aus dem Leben von Anna Maria Gerhardt
Die Sonne schien angenehm warm. Anna Maria blieb einen Moment im Hof am Kräutergärtchen stehen, sog tief die Sommerluft ein. Ihr Bauch begann sich allmählich zu wölben. Sie war im dritten Monat schwanger. Johanni war es das letzte Mal gewesen, dass sie gerne Zeit für einen Spaziergang gehabt hätte. Während des Umzugs von Mittenwalde nach Berlin und die ganzen Tage bis jetzt hatte es nur noch geregnet. Das Jahr 57 blieb feucht. Ein Huhn gackerte aufgeregt,
vom Tor her grunzte das Schwein und hielt ihre
jungen Ferkelchen zusammen. Anna Maria blickte
über den Hof ihrer Heimat. Schön,
endlich wieder in Berlin wohnen zu können.
Auch wenn es hier in der Stralauer Straße
sehr viel anders als um ihr elterliches Zuhause
aussah. Berlin blieb Berlin. “Was kochste denn heute?“
fragte Regina. “Komm rüber“, sagte
Anna Maria. Anna Maria fällt ins gewohnte Schriftdeutsch zurück. Ihre Eltern hatten nicht berlinert. Französisch war stattdessen oft gesprochen worden. Und italienisch. Der Sohn ihrer Schwester lernte jetzt der Mode der Zeit folgend flämisch. Wäre ihr Kind gestorben, wenn sie schon in Berlin gelebt hätte? Nie nach Mittenwalde gezogen wäre? Die Pfarrwohnung in Mittenwalde war mehr als baufällig. Sie war ständig feucht gewesen. Der Wechsel nach Berlin hatte allerdings nicht viel verbessert. Der Kiez um die Stralauer Straße bestand aus einfachen Lehmhäusern, die häufig ebenfalls feucht waren. Der nasse Sommer tat sein übriges. “Kind, du musst sehen, dass du täglich spazieren gehen kannst“, rieten ihre Verwandten und Paten so oft sie sich sahen. Das würde Anna Maria gerne. Aber Paul hatte eine andere Vorstellung von seiner Ehegattin. Spazierengehen hielt er für eitel und einer einfachen Frau nicht gemäß. Die meisten der Frauen hatten längst akzeptiert, an Herd und Hof gekettet zu sein. "Wenn ick spazieren jehe, denkt doch meen Nachbar, ick hab nischt zu arbeitn", war die gängige Meinung bei den Frauen. Anna Maria empfand Spaziergänge aber als Bereicherung für Seele und Geist. Durch Besuche bei ihren Eltern hatte Anna Maria die neuen Gartenanlagen, die in Berlin und Cölln angelegt worden waren, schon kennen gelernt. Große Alleen nahe der Spree, Blumenbeete mit fremden Blumen aus Holland. Schön war das. Ihr Mann hatte die Veränderungen auch wahr genommen und in einem seiner neuen Lieder verarbeitet. Es war schön, dieses Lied. Anna Maria sang es leise vor
sich hin: "Geh aus mein Herz und suche Freud in
dieser schönen Sommerzeit." Für Paul waren die Schönheiten der Natur nur Hinweise auf die Jenseitigkeit. Das Leben auf der Erde sollte direkt in das Jenseits zu Gott führen. Ein Festhalten an dem Diesseits war die schlimmste Sünde, die Paul kannte, die Fleischeslust. Alltägliche Verrichtungen wie Essen und Trinken, Ausscheidung, das Sexualleben waren völlig in Ordnung, wenn sie ohne innere Bindung an das Diesseits erlebt wurden. Wer sie als Gottes Geschenk und Hinweis auf die jenseitige Schönheit erlebte, war ein gesegneter Mensch, der mit dem Tod den Garten Eden in reinem weißen Kleid betreten durfte. Wer allein an den alltäglichen Verrichtungen seine Freude hatte und die alltäglichen Dinge genoss, war ein armer Sünder, der das Jenseits nicht sehen würde, war sich Paul sicher. Das Kleid war trocken,
Elisabeth konnte es wieder anziehen.
Fröhlich hüpfte sie in das
Nachbargrundstück, ein Körbchen Eier
am Arm. Anna Maria sah ihr nach. Elisabeth nahm
das zweite Körbchen, das sie an der Bank
vor der Hoftür stehen gelassen hatte und
winkte kurz noch einmal zu Anna Maria
hinüber. Sie winkte zurück und ging
dann wieder in die Küche. Der Rauch und die
Hitze schlugen ihr entgegen. Für einen
Moment konnte sie, noch an das Sonnenlicht
gewöhnt, nichts erkennen, wie immer, wenn
sie die Küche vom Hof her betrat. Paul und
Andreas, der Knecht, saßen bestimmt schon
in der Stube am Tisch und erwarteten das
Mittagessen. Die Glocken läuteten. Anna Maria entdeckte fremde Gesichter unter den Gottesdienstbesuchern und eilte sofort auf die kleine Gruppe zu. Freundlich begrüßte sie die beiden Familien, die sich scheu im Hintergrund hielten. “Herzlich willkommen in der
Nicolai-Kirche. Ich bin Anna Maria. Ihr seid neu
hier. Fühlt euch wohl. Wenn ihr mögt,
bleibt nach dem Gottesdienst auf einen Teller
Suppe.“ “Mir kommet aus Riquewihr“
erklärte ein Mann der Gruppe
schwerfällig. “Na, eigentlich aus Lohr.
Aber mir henn scho lang nimmer dort glebt. Und
jetzt sin mer mit dem Große
Kurfürschte hier her komme. Es soll hier
Arbeit gebe. Und mir wellet arbeite. Ich bin de
Mathis, des isch mei Bruder Johann. Un des sin
unsere Fraue und Kinder.“ Die Posaune versammelte die Gemeinde, Blockflöte und Traversflöte stimmten ein, begleitet von den Streich- und Zupfinstrumenten. Michaelis wird besonders festlich begangen. Anna Maria spürte ihr Kind sich bewegen und freute sich selbst. Die sonntäglichen Gottesdienste waren die wenigen Momente in ihrem Leben, die sie Kultur erleben konnte. Bei ihren Eltern war sie mit so viel in Berührung gekommen. Paul, an sich ein gebildeter Mann, akzeptierte nur Choräle in der Kirche. Um so wütender war er über die Anweisung des Kurfürsten, dass in allen Kirchen, die seiner Herrschaft unterstanden, der holländischen Mode entsprechende Liturgie gefeiert werden sollte, mit einem großen Orchester und fünf- bis sechsstimmigen Motetten. Bis jetzt hatte Paul es nicht gewagt, öffentlich gegen den Kurfürsten zu wettern, das blieb den familiären Szenen vorbehalten. Seine Predigten waren ein einziges Wettern gegen die Ungläubigen und gegen die Hexen. Und er konnte sich in den bis zu einer Stunde dauernden Predigten richtig ereifern, wer die Ungläubigen und Hexen waren. Anna Maria hatte ihn einmal gewagt zu fragen, ob er denn nicht mit Rücksicht auf die vielen Hugenotten und Pruzzen, die zur Gemeinde gehörten, dieses Wettern sein lassen wolle. Seine Antwort war gewesen: "Du wagst es, mich zu kritisieren? Unser Herr Luther hatte den Frauen ihren Platz gezeigt und jede, die sich nicht fügen will, als mit dem Teufel im Bund erkannt. Und unser Herr ist auch in meinem Haus Maßstab." Anna Maria hatte noch gewagt zu sagen, dass für sie nur Gott der Herr sein könne, kein Mensch. Da hatte Paul völlig die Kontrolle verloren und sie geschlagen. Trotz dem sie schwanger war. War ihr Töchterchen, das dann geboren wurde, darum so schnell gestorben? Anna Maria kniete in der
Kirchenbank, lauschte der Motette und dem
Instrumentalchor und überlegte, ob sie
glücklich war. Sie hatte hier in der
Gemeinde ihre Aufgabe. Mehr noch als in
Mittenwalde. Aber sonst? Ihr Leben vor ihrer Ehe
war so völlig anders gewesen. Und Paul war
damals auch anders gewesen, ein gebildeter und
verträumter Weltenbummler, der viele Ideen
aufnahm. Jetzt war er nur noch stur und beharrte
dickköpfig auf seiner
Rechtsgläubigkeit. Und nur das zählte
noch. Wieder spürte Anna
Maria ihr Baby im Bauch. War sie glücklich?
Das Baby schien die Antwort auf die Frage zu
erwarten. Nein, glücklich war sie nicht.
Sie hatte ihr Leben akzeptiert. Mehr durfte sie
nicht erwarten. Nun schluchzte die Frau so
heftig, dass sie es kaum noch unterdrücken
konnte. Gott sei Dank war die Predigt endlich zu
Ende und die Zinken und Pommern
übertönten alles. Anna Maria legte
ihren Arm um sie. "Mir sen doch katholisch, de
Nassauer sen Proteschdande. Mir habbe net de
Religion wechsle wolle, als de Nassauer nach
Lahr komme sin. Mir könne doch nur des
glaube, was mir glernd hen", sagte die Frau. Anna Maria drückte die
Frau herzlich an sich. "Schön dass du hier
bist. Hier bist du und seid ihr alle sicher. Wie
heißt du eigentlich?" |
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"Die Frau des
Liederdichters" auf der Frankfurter Buchmesse
Im Rahmen der Präsentation des "Arbeitskreis kleinerer Verlage" im Börsenverein des deutschen Buchhandels wurde auch der aktuelle Roman von Petra Roeder vorgestellt (10. bis 14. Oktober 2007) |
| Am 15.11.2007 stellte die Autorin ihr Buch in der Stadthalle Kehl bei einer Lesung vor. |
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