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Die Frau des Liederdichters
Aus
dem Leben der Anna Maria Gerhardt
von Petra Roeder ©2006 |
Letztes Update:
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Anna Maria Gerhardt lebte an der
Seite eines
bedeutenden Kirchenliederdichters. Und sie lebte im Berlin des Großen
Kurfürsten. In Europa tobte zeitgleich die schlimmste Zeit der
Hexenverbrennungen, die Schäden des 30-jährigen Krieges waren überall
präsent, auch die Pest hatte ganze Landstriche menschenleer
hinterlassen. Das führte im Denken der Überlebenden zu einer
egoistischen Starrheit, aus Angst, das letzte Verbliebene auch noch zu
verlieren. Und zu einer ängstlichen Unsicherheit, die nicht mehr
zwischen Richtig und Falsch unterscheiden konnte. Tiefster Aberglaube
prägte den Alltag der Menschen. Damit verbunden war auch eine
Verachtung der weltlichen Dinge. Unter dieser Lebenseinstellung litt
Anna Maria. Sie würde gerne die Schönheiten der Welt genießen, doch
alles durfte sie nur als Vorschau auf die jenseitige Welt nehmen.
Selbst ihr Körper musste letzten Endes verachtet werden. Fleischeslust
war die schlimmste Sünde, die für Paul Gerhardt bestand. Gemeint war
mit diesem Begriff nichts anderes als das Schön-Finden der
alltäglichsten Dinge, zu dem Essen und Trinken, Sexualität,
Ausscheidungen und Bewegung an sich gehörten. Jeder einzelne Punkt an
sich war noch keine Sünde, das war erlebter Alltag. Nur das Festhalten
an diesem materiellen Dasein, die Fleischeslust. Alles zusammen bildete
den Nährboden für den erstarkenden Absolutismus, für rassistische
nationalistische Gedanken und für religiöse Sekten. Der Große Kurfürst
dagegen wollte ein Klima schaffen, das alle Zuhause sein ließ,
gleichgültig, wo sie herkamen und was sie glaubten. Er stützte sich
auch auf René Descartes Gedanken, die Europa zu erobern begannen. Die
Idee der Toleranz, des Miteinanders verschiedenartigster Kulturen, die
Idee des Großen Kurfürsten von seinem Reich, sollte dem entgegen stehen
und könnte in Anna Marias Haus ebenfalls umgesetzt werden. Doch ihr
Mann Paul, der mit seinen Liedtexten Meilensteine der frühbarocken
Dichtung setzte, hielt nichts von Toleranz. Für ihn gab es nur eine
einzige Wahrheit: den lutherisch protestantischen Glauben. Die Pfarrer,
meist aus kleinbürgerlichem Hintergrund kommend, waren die schlimmsten
Feinde des Großen Kurfürsten. Sie nutzten ihre Macht, die ihnen ihre
seelsorgerliche Rolle bei den Menschen verschaffte, dazu, ihre
hasserfüllten Hetzen gegen das, was ihnen falsch erschien,
auszustreuen. In vielen Landstrichen sorgte das für schlimme
Verfolgungen und Hinrichtungen von nicht ganz angepassten Menschen, die
angeblich Hexen und Hexer sein sollten. Der Große Kurfürst verwies
schließlich die Pfarrer seines Landes, die nicht bereit waren, sich der
Idee der Toleranz und des friedlichen Miteinanders aller zu beugen.
Hier ist die Geschichte einer Pfarrsfrau, die zunächst glücklich in der
Rolle als Mutter und Hausfrau aufgeht, durch die starre religiöse
Haltung ihres Mannes aber zunehmend an Lebendigkeit und Energie
verliert und schließlich endgültig ihre Heimat verlieren muss. |
| ISBN
978-3-940220-01-1
92
Seiten Paperback DIN A5 12,80¤
(derzeit
vergriffen) |
Ein Ausschnitt aus
dem Leben von Anna Maria Gerhardt
Die Sonne schien angenehm warm. Anna Maria
blieb
einen Moment im Hof am Kräutergärtchen stehen, sog tief die Sommerluft
ein. Ihr Bauch begann sich allmählich zu wölben. Sie war im dritten
Monat schwanger. Johanni war es das letzte Mal gewesen, dass sie gerne
Zeit für einen Spaziergang gehabt hätte. Während des Umzugs von
Mittenwalde nach Berlin und die ganzen Tage bis jetzt hatte es nur noch
geregnet. Das Jahr 57 blieb feucht.
Ein Huhn gackerte aufgeregt, vom Tor her grunzte das Schwein und hielt
ihre jungen Ferkelchen zusammen. Anna Maria blickte über den Hof ihrer
Heimat. Schön, endlich wieder in Berlin wohnen zu können. Auch wenn es
hier in der Stralauer Straße sehr viel anders als um ihr elterliches
Zuhause aussah. Berlin blieb Berlin.
Regina, ihre Nachbarin, winkte aus dem Nachbarhof. Mit ihrer ältesten
Tochter Elisabeth sammelte sie Gänseeier.
“Was kochste denn heute?“ fragte Regina.
“Bohnen mit Hammelfleisch“, antwortete Anna Maria stolz. Dann schwieg
sie betroffen. Paul, ihr Mann, hatte ihr immer wieder gesagt, dass es
lästerlich sei, mit seinem Reichtum zu prahlen.
Regina lachte fröhlich: “Gut, dass deen Mann det nich jehört hat. Aber
ick gönn dir den Wohlstand, deen Mann hat immerhin ne jute Stelle
jekriegt, wenns och nich da Dom is, de Nicolai-Kirche is allemal doll.“
Befreit lachte nun auch Anna Maria: “Und außerdem haste och wat von nem
Wohlstand.“ Die Gerhardts teilten alles, was sie hatten. Dass ihr Mann
“nur“ an der Nicolai-Kirche eine Stelle erhalten hatte und nicht am Dom
hatte sie allerdings auch enttäuscht. Zu ihren Eltern in die Spandauer
Straße wäre es von der Pfarrwohnung, die zum Dom gehörte, ein
Katzensprung, täglich konnte sie leider nicht zu ihnen. Aber näher als
von Mittenwalde aus war es allemal.
Reginas Mutter rief aus dem Haus.
“Ick werd jebraucht“, sagte sie und verschwand rasch.
Die siebenjährige Elisabeth sammelte alleine weiter, tief in Gedanken
versunken. Dass sie mit nassem Rock in einer Pfütze stand, merkte sie
noch nicht einmal.
“Wie jeht et dir? Denkste an deen Jeschwisterchen?“ fragte Anna Maria.
Elisabeth sah langsam auf. “Weeß nich. Ick hab et kaum jesehen.“
Elisabeth hatte wieder ein Geschwisterchen verloren. Noch war sie das
einzige Kind ihrer Eltern.“Soll ick da helfen, deen Rock zu waschen?“
fragte Anna Maria.
Erschrocken sah Elisabeth auf. Vater und Oma würden schimpfen, wenn sie
sie so sähen.
“Komm rüber“, sagte Anna Maria.
Elisabeth ließ ihren Korb mit den Eiern auf der Bank vor der Hoftür
stehen und lief zum Hof der Gerhardts. Anna Maria nahm sie mit in ihre
Küche. Dass Elisabeth gesucht würde, war ausgeschlossen. Erst zum Essen
musste sie wieder Zuhause sein. Und genügend Eier konnte Anna Maria ihr
mitgeben, dann würde nichts auffallen. Ausgewaschen war der Rock
schnell. Und bei der Hitze, die sich in der dunklen Küche staute,
dauerte es auch nicht lange, bis er getrocknet war. Anna Maria hatte
immer eine Suppe am köcheln und reichte Elisabeth eine Schale. Eine
Magd hatten sie nicht. Der Knecht, der für Holz sorgte und jährlich
schlachtete, war im Hof. Er würde erst zum Mittagessen kommen. Ihr Mann
war noch bei einem Taufgespräch, so waren sie völlig ungestört.
“Ich habe Anfang des Jahres auch ein Kind verloren. Eine Tochter. Mit
zweitem Namen hieß sie auch Elisabeth.“
Anna Maria fällt ins gewohnte Schriftdeutsch zurück. Ihre Eltern hatten
nicht berlinert. Französisch war stattdessen oft gesprochen worden. Und
italienisch. Der Sohn ihrer Schwester lernte jetzt der Mode der Zeit
folgend flämisch. Wäre ihr Kind gestorben, wenn sie schon in Berlin
gelebt hätte? Nie nach Mittenwalde gezogen wäre? Die Pfarrwohnung in
Mittenwalde war mehr als baufällig. Sie war ständig feucht gewesen. Der
Wechsel nach Berlin hatte allerdings nicht viel verbessert. Der Kiez um
die Stralauer Straße bestand aus einfachen Lehmhäusern, die häufig
ebenfalls feucht waren. Der nasse Sommer tat sein übriges.
“Kind, du musst sehen, dass du täglich spazieren gehen kannst“, rieten
ihre Verwandten und Paten so oft sie sich sahen. Das würde Anna Maria
gerne. Aber Paul hatte eine andere Vorstellung von seiner Ehegattin.
Spazierengehen hielt er für eitel und einer einfachen Frau nicht gemäß.
Die meisten der Frauen hatten längst akzeptiert, an Herd und Hof
gekettet zu sein. "Wenn ick spazieren jehe, denkt doch meen Nachbar,
ick hab nischt zu arbeitn", war die gängige Meinung bei den Frauen.
Anna Maria empfand Spaziergänge aber als Bereicherung für Seele und
Geist. Durch Besuche bei ihren Eltern hatte Anna Maria die neuen
Gartenanlagen, die in Berlin und Cölln angelegt worden waren, schon
kennen gelernt. Große Alleen nahe der Spree, Blumenbeete mit fremden
Blumen aus Holland. Schön war das. Ihr Mann hatte die Veränderungen
auch wahr genommen und in einem seiner neuen Lieder verarbeitet. Es war
schön, dieses Lied.
Anna Maria sang es leise vor sich hin: "Geh aus mein Herz und suche
Freud in dieser schönen Sommerzeit."
Elisabeth sah überrascht auf und sang dann mit. Vor allem die Zeilen
mit den Blumen schmetterte sie laut heraus: "Narzissen und die Tulipan
die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide, als Salomonis
Seide."
"Dabei hat Elisabeth die fremden Blumen aus Holland, die Narzissen und
Tulpen, noch gar nicht sehen können", dachte Anna Maria traurig. Sie
würde sie ihr gerne mal zeigen.
Für Paul waren die Schönheiten der Natur nur Hinweise auf die
Jenseitigkeit. Das Leben auf der Erde sollte direkt in das Jenseits zu
Gott führen. Ein Festhalten an dem Diesseits war die schlimmste Sünde,
die Paul kannte, die Fleischeslust. Alltägliche Verrichtungen wie Essen
und Trinken, Ausscheidung, das Sexualleben waren völlig in Ordnung,
wenn sie ohne innere Bindung an das Diesseits erlebt wurden. Wer sie
als Gottes Geschenk und Hinweis auf die jenseitige Schönheit erlebte,
war ein gesegneter Mensch, der mit dem Tod den Garten Eden in reinem
weißen Kleid betreten durfte. Wer allein an den alltäglichen
Verrichtungen seine Freude hatte und die alltäglichen Dinge genoss, war
ein armer Sünder, der das Jenseits nicht sehen würde, war sich Paul
sicher.
Das Kleid war trocken, Elisabeth konnte es wieder anziehen. Fröhlich
hüpfte sie in das Nachbargrundstück, ein Körbchen Eier am Arm. Anna
Maria sah ihr nach. Elisabeth nahm das zweite Körbchen, das sie an der
Bank vor der Hoftür stehen gelassen hatte und winkte kurz noch einmal
zu Anna Maria hinüber. Sie winkte zurück und ging dann wieder in die
Küche. Der Rauch und die Hitze schlugen ihr entgegen. Für einen Moment
konnte sie, noch an das Sonnenlicht gewöhnt, nichts erkennen, wie
immer, wenn sie die Küche vom Hof her betrat. Paul und Andreas, der
Knecht, saßen bestimmt schon in der Stube am Tisch und erwarteten das
Mittagessen.
Die Glocken läuteten. Anna Maria
entdeckte fremde Gesichter unter den Gottesdienstbesuchern und eilte
sofort auf die kleine Gruppe zu. Freundlich begrüßte sie die beiden
Familien, die sich scheu im Hintergrund hielten.
“Herzlich willkommen in der Nicolai-Kirche. Ich bin Anna Maria. Ihr
seid neu hier. Fühlt euch wohl. Wenn ihr mögt, bleibt nach dem
Gottesdienst auf einen Teller Suppe.“
Die müden Gesichter vor allem der Kinder erhellten sich.
“Hesch du a dicke Bauch, kriegsch du a Kind?“ fragte ein älteres
Mädchen. Seine Mutter schlug es auf den Mund: “Des war net recht. Du
hesch kei Respekt.“
Anna Maria war über den fremden Dialekt verwundert. “Woher kommt ihr?
Zuerst dachte ich, ihr wärt auch eine hugenottische Familie. Oder
vielleicht eine pruzzische Familie. Wir haben hier oft neue Gesichter.
Im Scheunenviertel siedeln sich viele Familien aus dem Osten an, hier
im Kiez wohnen viele Hugenotten aus Frankreich. Eure Sprache kenne ich
noch nicht.“
“Mir kommet aus Riquewihr“ erklärte ein Mann der Gruppe schwerfällig.
“Na, eigentlich aus Lohr. Aber mir henn scho lang nimmer dort glebt.
Und jetzt sin mer mit dem Große Kurfürschte hier her komme. Es soll
hier Arbeit gebe. Und mir wellet arbeite. Ich bin de Mathis, des isch
mei Bruder Johann. Un des sin unsere Fraue und Kinder.“
Anna Maria staunte: “Aus Lahr? Und aus Riquewihr? Wenn ihr mögt,
erzählt mir nach dem Gottesdienst von eurer Heimat.“
Mathis reagierte abweisend: “Do gibt's net viel zu erzähle. Mir welle
hier nur arbeite.“
Überrascht schwieg Anna Maria. Dann sagte sie freundlich: “Es tut mir
leid, dass ich euch verletzt habe. Ich hoffe, ihr bleibt nach dem
Gottesdienst trotzdem auf einen Teller Suppe.“
Die beiden Frauen sahen betreten zu Boden und gingen dann schweigend in
die Kirche. Eine der beiden reichte Anna Maria ihre Hand und ließ sie
nicht mehr los. Anna Maria spürte Angst und blieb bei den Familien.
Die Posaune versammelte die Gemeinde, Blockflöte und Traversflöte
stimmten ein, begleitet von den Streich- und Zupfinstrumenten.
Michaelis wird besonders festlich begangen. Anna Maria spürte ihr Kind
sich bewegen und freute sich selbst. Die sonntäglichen Gottesdienste
waren die wenigen Momente in ihrem Leben, die sie Kultur erleben
konnte. Bei ihren Eltern war sie mit so viel in Berührung gekommen.
Paul, an sich ein gebildeter Mann, akzeptierte nur Choräle in der
Kirche. Um so wütender war er über die Anweisung des Kurfürsten, dass
in allen Kirchen, die seiner Herrschaft unterstanden, der holländischen
Mode entsprechende Liturgie gefeiert werden sollte, mit einem großen
Orchester und fünf- bis sechsstimmigen Motetten. Bis jetzt hatte Paul
es nicht gewagt, öffentlich gegen den Kurfürsten zu wettern, das blieb
den familiären Szenen vorbehalten. Seine Predigten waren ein einziges
Wettern gegen die Ungläubigen und gegen die Hexen. Und er konnte sich
in den bis zu einer Stunde dauernden Predigten richtig ereifern, wer
die Ungläubigen und Hexen waren. Anna Maria hatte ihn einmal gewagt zu
fragen, ob er denn nicht mit Rücksicht auf die vielen Hugenotten und
Pruzzen, die zur Gemeinde gehörten, dieses Wettern sein lassen wolle.
Seine Antwort war gewesen: "Du wagst es, mich zu kritisieren? Unser
Herr Luther hatte den Frauen ihren Platz gezeigt und jede, die sich
nicht fügen will, als mit dem Teufel im Bund erkannt. Und unser Herr
ist auch in meinem Haus Maßstab."
Anna Maria hatte noch gewagt zu sagen, dass für sie nur Gott der Herr
sein könne, kein Mensch. Da hatte Paul völlig die Kontrolle verloren
und sie geschlagen. Trotz dem sie schwanger war. War ihr Töchterchen,
das dann geboren wurde, darum so schnell gestorben?
Anna Maria kniete in der Kirchenbank, lauschte der Motette und dem
Instrumentalchor und überlegte, ob sie glücklich war. Sie hatte hier in
der Gemeinde ihre Aufgabe. Mehr noch als in Mittenwalde. Aber sonst?
Ihr Leben vor ihrer Ehe war so völlig anders gewesen. Und Paul war
damals auch anders gewesen, ein gebildeter und verträumter
Weltenbummler, der viele Ideen aufnahm. Jetzt war er nur noch stur und
beharrte dickköpfig auf seiner Rechtsgläubigkeit. Und nur das zählte
noch.
"Diese Glückseligkeit", brüllte Paul jetzt von der Kanzel, "dass wir in
der ganzen Mark die päpstliche Finsternis vertrieben haben und das
helle Licht der evangelischen Wahrheit angezündet wurde. Jetzt muss nur
noch der Antichrist, der durch Calvin in unsere Welt gekommen ist und
die Menschen durch vielerlei feine Reden verführt und vom rechten
Glauben abhält, zunichte gemacht werden. Und die armen Schäflein, die
den Hurensöhnen folgen, weil sie nicht mehr wissen, was richtig ist,
müssen wieder zurück geführt werden in den Schoß der wahren
Gläubigkeit."
Wieder spürte Anna Maria ihr Baby im Bauch. War sie glücklich? Das Baby
schien die Antwort auf die Frage zu erwarten. Nein, glücklich war sie
nicht. Sie hatte ihr Leben akzeptiert. Mehr durfte sie nicht erwarten.
Plötzlich nahm sie einen leisen Seufzer neben sich wahr. Die Frau aus
Süddeutschland, die lange ihre Hand festgehalten hatte, seufzte. Anna
Maria beugte sich zu ihr hinüber, so tuend, als schlage sie ihr das
Gesangsbuch an der richtigen Stelle auf.
"Geht es dir nicht gut? Kann ich dir helfen?" fragte sie.
Die Frau schüttelte den Kopf.
"Abber s'Ulli war doch kei Hex. Des gibt' doch gar net", flüsterte die
Frau.
Paul lässt sich mal wieder über das Unwesen der Hexen und Hexer aus.
"Wer ist Ulli?" fragte Anna Maria leise zurück.
"Des war mei Bäsle in Riquewir", sagte die Frau, mühsam die Tränen
zurückhaltend.
"Wieso war? Ist sie denn schon gestorben?" wollte Anna Maria mitfühlend
wissen.
Nun schluchzte die Frau so heftig, dass sie es kaum noch unterdrücken
konnte. Gott sei Dank war die Predigt endlich zu Ende und die Zinken
und Pommern übertönten alles. Anna Maria legte ihren Arm um sie.
"Verbrannt ham se se", schluchzte die Frau. "Se soll de schlimmscht gsi
si. Des war doch a ganz normale Frau wie ich. Gfoldert ham se se. Un
vergwaldigt. Ich hab ihr Esse bracht, da het se mir e bissle erzählt.
Se het gsagt, mir solle zurück nach Lahr gehe, weil mir sunscht au alle
in de Turm komme. Abber in Lahr wäre mir au in de Turm komme. Mir sin
scho durch de Umzug nach Riquewir aufgfalle. Un dann der Tag, an dem se
verbrannt worde isch. Un se hat so gschrie, es muss schlimm weh tan
habe. Mit Zange hen se se grisse un dann lebendig verbrannt. Un keiner
het ihr kholfe. Sie het allen kholfe, het immer alles teilt. Niemand
het ihr kholfe. Alle ham se zugsehe, wie se glitte het. Erscht als se
Asche gsi isch, sind d'Leut gange."
Anna Maria ahnte nun, weshalb die Familien die weite Strecke nach
Berlin zurück gelegt haben. Es hatte sich überall herum gesprochen,
dass die kurfürstliche Familie keine Inquisition wünschte.
"Seid ihr darum nach Berlin gekommen?" fragte sie leise.
Die Frau nickte: "Mei Name isch scho gfalle. Da het Mathis gsagt, de
Kurfürscht würd Leut suche, die in seim Reich arbeite welle. Da simmer
mit gange."
"Warum seid ihr aus Lahr weggezogen?" fragte Anna Maria.
"Mir sen doch katholisch, de Nassauer sen Proteschdande. Mir habbe net
de Religion wechsle wolle, als de Nassauer nach Lahr komme sin. Mir
könne doch nur des glaube, was mir glernd hen", sagte die Frau.
"Merkwürdig, und jetzt landet ihr hier im reformierten Norden", dachte
Anna Maria. Das wussten die beiden Familien entweder nicht, oder sie
nahmen es in Kauf aus Angst vor der drohenden Hinrichtung in der Heimat.
Anna Maria drückte die Frau herzlich an sich. "Schön dass du hier bist.
Hier bist du und seid ihr alle sicher. Wie heißt du eigentlich?"
"Ich bin d'Rita. Mei Schwägerin isch d'Magda. Ihr Tochter isch d'Maria.
Und des isch mein Valentin. D' Kleine isch de Niklas."
Sind Sie
neugierig, wie es weitergeht?
Das
Buch wird in neuer Ausstattung wieder erscheinen im
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Jörg Dendl
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