Die Frau des Liederdichters
Aus dem Leben der Anna Maria Gerhardt

von Petra Roeder
©2006

Letztes Update:
12. Juni 2009


Zum 400. Geburtstag Paul Gerhardts erschien im Verlag Jörg Dendl
der aktuellen Roman zu seiner Zeit in Berlin, geschildert aus der Perspektive seiner Frau Anna Maria:


Titel Anna M. Gerhardt Anna Maria Gerhardt lebte an der Seite eines bedeutenden Kirchenliederdichters. Und sie lebte im Berlin des Großen Kurfürsten. In Europa tobte zeitgleich die schlimmste Zeit der Hexenverbrennungen, die Schäden des 30-jährigen Krieges waren überall präsent, auch die Pest hatte ganze Landstriche menschenleer hinterlassen. Das führte im Denken der Überlebenden zu einer egoistischen Starrheit, aus Angst, das letzte Verbliebene auch noch zu verlieren. Und zu einer ängstlichen Unsicherheit, die nicht mehr zwischen Richtig und Falsch unterscheiden konnte. Tiefster Aberglaube prägte den Alltag der Menschen. Damit verbunden war auch eine Verachtung der weltlichen Dinge. Unter dieser Lebenseinstellung litt Anna Maria. Sie würde gerne die Schönheiten der Welt genießen, doch alles durfte sie nur als Vorschau auf die jenseitige Welt nehmen. Selbst ihr Körper musste letzten Endes verachtet werden. Fleischeslust war die schlimmste Sünde, die für Paul Gerhardt bestand. Gemeint war mit diesem Begriff nichts anderes als das Schön-Finden der alltäglichsten Dinge, zu dem Essen und Trinken, Sexualität, Ausscheidungen und Bewegung an sich gehörten. Jeder einzelne Punkt an sich war noch keine Sünde, das war erlebter Alltag. Nur das Festhalten an diesem materiellen Dasein, die Fleischeslust. Alles zusammen bildete den Nährboden für den erstarkenden Absolutismus, für rassistische nationalistische Gedanken und für religiöse Sekten. Der Große Kurfürst dagegen wollte ein Klima schaffen, das alle Zuhause sein ließ, gleichgültig, wo sie herkamen und was sie glaubten. Er stützte sich auch auf René Descartes Gedanken, die Europa zu erobern begannen. Die Idee der Toleranz, des Miteinanders verschiedenartigster Kulturen, die Idee des Großen Kurfürsten von seinem Reich, sollte dem entgegen stehen und könnte in Anna Marias Haus ebenfalls umgesetzt werden. Doch ihr Mann Paul, der mit seinen Liedtexten Meilensteine der frühbarocken Dichtung setzte, hielt nichts von Toleranz. Für ihn gab es nur eine einzige Wahrheit: den lutherisch protestantischen Glauben. Die Pfarrer, meist aus kleinbürgerlichem Hintergrund kommend, waren die schlimmsten Feinde des Großen Kurfürsten. Sie nutzten ihre Macht, die ihnen ihre seelsorgerliche Rolle bei den Menschen verschaffte, dazu, ihre hasserfüllten Hetzen gegen das, was ihnen falsch erschien, auszustreuen. In vielen Landstrichen sorgte das für schlimme Verfolgungen und Hinrichtungen von nicht ganz angepassten Menschen, die angeblich Hexen und Hexer sein sollten. Der Große Kurfürst verwies schließlich die Pfarrer seines Landes, die nicht bereit waren, sich der Idee der Toleranz und des friedlichen Miteinanders aller zu beugen. Hier ist die Geschichte einer Pfarrsfrau, die zunächst glücklich in der Rolle als Mutter und Hausfrau aufgeht, durch die starre religiöse Haltung ihres Mannes aber zunehmend an Lebendigkeit und Energie verliert und schließlich endgültig ihre Heimat verlieren muss.
ISBN 978-3-940220-01-1                           92 Seiten  Paperback DIN A5  12,80¤                       (derzeit vergriffen)


Lesen Sie einen Ausschnitt aus dieser Milieustudie des Berlins des 17. Jahrhunderts:

Geh aus mein Herz und suche Freud

Ein Ausschnitt aus dem Leben von Anna Maria Gerhardt

Die Sonne schien angenehm warm. Anna Maria blieb einen Moment im Hof am Kräutergärtchen stehen, sog tief die Sommerluft ein. Ihr Bauch begann sich allmählich zu wölben. Sie war im dritten Monat schwanger. Johanni war es das letzte Mal gewesen, dass sie gerne Zeit für einen Spaziergang gehabt hätte. Während des Umzugs von Mittenwalde nach Berlin und die ganzen Tage bis jetzt hatte es nur noch geregnet. Das Jahr 57 blieb feucht.
Ein Huhn gackerte aufgeregt, vom Tor her grunzte das Schwein und hielt ihre jungen Ferkelchen zusammen. Anna Maria blickte über den Hof ihrer Heimat. Schön, endlich wieder in Berlin wohnen zu können. Auch wenn es hier in der Stralauer Straße sehr viel anders als um ihr elterliches Zuhause aussah. Berlin blieb Berlin.
Regina, ihre Nachbarin, winkte aus dem Nachbarhof. Mit ihrer ältesten Tochter Elisabeth sammelte sie Gänseeier.
“Was kochste denn heute?“ fragte Regina.
“Bohnen mit Hammelfleisch“, antwortete Anna Maria stolz. Dann schwieg sie betroffen. Paul, ihr Mann, hatte ihr immer wieder gesagt, dass es lästerlich sei, mit seinem Reichtum zu prahlen.
Regina lachte fröhlich: “Gut, dass deen Mann det nich jehört hat. Aber ick gönn dir den Wohlstand, deen Mann hat immerhin ne jute Stelle jekriegt, wenns och nich da Dom is, de Nicolai-Kirche is allemal doll.“
Befreit lachte nun auch Anna Maria: “Und außerdem haste och wat von nem Wohlstand.“ Die Gerhardts teilten alles, was sie hatten. Dass ihr Mann “nur“ an der Nicolai-Kirche eine Stelle erhalten hatte und nicht am Dom hatte sie allerdings auch enttäuscht. Zu ihren Eltern in die Spandauer Straße wäre es von der Pfarrwohnung, die zum Dom gehörte, ein Katzensprung, täglich konnte sie leider nicht zu ihnen. Aber näher als von Mittenwalde aus war es allemal.
Reginas Mutter rief aus dem Haus.
“Ick werd jebraucht“, sagte sie und verschwand rasch.
Die siebenjährige Elisabeth sammelte alleine weiter, tief in Gedanken versunken. Dass sie mit nassem Rock in einer Pfütze stand, merkte sie noch nicht einmal.
“Wie jeht et dir? Denkste an deen Jeschwisterchen?“ fragte Anna Maria.
Elisabeth sah langsam auf. “Weeß nich. Ick hab et kaum jesehen.“
Elisabeth hatte wieder ein Geschwisterchen verloren. Noch war sie das einzige Kind ihrer Eltern.“Soll ick da helfen, deen Rock zu waschen?“ fragte Anna Maria.
Erschrocken sah Elisabeth auf. Vater und Oma würden schimpfen, wenn sie sie so sähen.
“Komm rüber“, sagte Anna Maria.
Elisabeth ließ ihren Korb mit den Eiern auf der Bank vor der Hoftür stehen und lief zum Hof der Gerhardts. Anna Maria nahm sie mit in ihre Küche. Dass Elisabeth gesucht würde, war ausgeschlossen. Erst zum Essen musste sie wieder Zuhause sein. Und genügend Eier konnte Anna Maria ihr mitgeben, dann würde nichts auffallen. Ausgewaschen war der Rock schnell. Und bei der Hitze, die sich in der dunklen Küche staute, dauerte es auch nicht lange, bis er getrocknet war. Anna Maria hatte immer eine Suppe am köcheln und reichte Elisabeth eine Schale. Eine Magd hatten sie nicht. Der Knecht, der für Holz sorgte und jährlich schlachtete, war im Hof. Er würde erst zum Mittagessen kommen. Ihr Mann war noch bei einem Taufgespräch, so waren sie völlig ungestört.
“Ich habe Anfang des Jahres auch ein Kind verloren. Eine Tochter. Mit zweitem Namen hieß sie auch Elisabeth.“
Anna Maria fällt ins gewohnte Schriftdeutsch zurück. Ihre Eltern hatten nicht berlinert. Französisch war stattdessen oft gesprochen worden. Und italienisch. Der Sohn ihrer Schwester lernte jetzt der Mode der Zeit folgend flämisch. Wäre ihr Kind gestorben, wenn sie schon in Berlin gelebt hätte? Nie nach Mittenwalde gezogen wäre? Die Pfarrwohnung in Mittenwalde war mehr als baufällig. Sie war ständig feucht gewesen. Der Wechsel nach Berlin hatte allerdings nicht viel verbessert. Der Kiez um die Stralauer Straße bestand aus einfachen Lehmhäusern, die häufig ebenfalls feucht waren. Der nasse Sommer tat sein übriges.
“Kind, du musst sehen, dass du täglich spazieren gehen kannst“, rieten ihre Verwandten und Paten so oft sie sich sahen. Das würde Anna Maria gerne. Aber Paul hatte eine andere Vorstellung von seiner Ehegattin. Spazierengehen hielt er für eitel und einer einfachen Frau nicht gemäß. Die meisten der Frauen hatten längst akzeptiert, an Herd und Hof gekettet zu sein. "Wenn ick spazieren jehe, denkt doch meen Nachbar, ick hab nischt zu arbeitn", war die gängige Meinung bei den Frauen. Anna Maria empfand Spaziergänge aber als Bereicherung für Seele und Geist. Durch Besuche bei ihren Eltern hatte Anna Maria die neuen Gartenanlagen, die in Berlin und Cölln angelegt worden waren, schon kennen gelernt. Große Alleen nahe der Spree, Blumenbeete mit fremden Blumen aus Holland. Schön war das. Ihr Mann hatte die Veränderungen auch wahr genommen und in einem seiner neuen Lieder verarbeitet. Es war schön, dieses Lied.
Anna Maria sang es leise vor sich hin: "Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit."
Elisabeth sah überrascht auf und sang dann mit. Vor allem die Zeilen mit den Blumen schmetterte sie laut heraus: "Narzissen und die Tulipan die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide, als Salomonis Seide."
"Dabei hat Elisabeth die fremden Blumen aus Holland, die Narzissen und Tulpen, noch gar nicht sehen können", dachte Anna Maria traurig. Sie würde sie ihr gerne mal zeigen.
Für Paul waren die Schönheiten der Natur nur Hinweise auf die Jenseitigkeit. Das Leben auf der Erde sollte direkt in das Jenseits zu Gott führen. Ein Festhalten an dem Diesseits war die schlimmste Sünde, die Paul kannte, die Fleischeslust. Alltägliche Verrichtungen wie Essen und Trinken, Ausscheidung, das Sexualleben waren völlig in Ordnung, wenn sie ohne innere Bindung an das Diesseits erlebt wurden. Wer sie als Gottes Geschenk und Hinweis auf die jenseitige Schönheit erlebte, war ein gesegneter Mensch, der mit dem Tod den Garten Eden in reinem weißen Kleid betreten durfte. Wer allein an den alltäglichen Verrichtungen seine Freude hatte und die alltäglichen Dinge genoss, war ein armer Sünder, der das Jenseits nicht sehen würde, war sich Paul sicher.
Das Kleid war trocken, Elisabeth konnte es wieder anziehen. Fröhlich hüpfte sie in das Nachbargrundstück, ein Körbchen Eier am Arm. Anna Maria sah ihr nach. Elisabeth nahm das zweite Körbchen, das sie an der Bank vor der Hoftür stehen gelassen hatte und winkte kurz noch einmal zu Anna Maria hinüber. Sie winkte zurück und ging dann wieder in die Küche. Der Rauch und die Hitze schlugen ihr entgegen. Für einen Moment konnte sie, noch an das Sonnenlicht gewöhnt, nichts erkennen, wie immer, wenn sie die Küche vom Hof her betrat. Paul und Andreas, der Knecht, saßen bestimmt schon in der Stube am Tisch und erwarteten das Mittagessen.

Die Glocken läuteten. Anna Maria entdeckte fremde Gesichter unter den Gottesdienstbesuchern und eilte sofort auf die kleine Gruppe zu. Freundlich begrüßte sie die beiden Familien, die sich scheu im Hintergrund hielten.
“Herzlich willkommen in der Nicolai-Kirche. Ich bin Anna Maria. Ihr seid neu hier. Fühlt euch wohl. Wenn ihr mögt, bleibt nach dem Gottesdienst auf einen Teller Suppe.“
Die müden Gesichter vor allem der Kinder erhellten sich.
“Hesch du a dicke Bauch, kriegsch du a Kind?“ fragte ein älteres Mädchen. Seine Mutter schlug es auf den Mund: “Des war net recht. Du hesch kei Respekt.“
Anna Maria war über den fremden Dialekt verwundert. “Woher kommt ihr? Zuerst dachte ich, ihr wärt auch eine hugenottische Familie. Oder vielleicht eine pruzzische Familie. Wir haben hier oft neue Gesichter. Im Scheunenviertel siedeln sich viele Familien aus dem Osten an, hier im Kiez wohnen viele Hugenotten aus Frankreich. Eure Sprache kenne ich noch nicht.“
“Mir kommet aus Riquewihr“ erklärte ein Mann der Gruppe schwerfällig. “Na, eigentlich aus Lohr. Aber mir henn scho lang nimmer dort glebt. Und jetzt sin mer mit dem Große Kurfürschte hier her komme. Es soll hier Arbeit gebe. Und mir wellet arbeite. Ich bin de Mathis, des isch mei Bruder Johann. Un des sin unsere Fraue und Kinder.“
Anna Maria staunte: “Aus Lahr? Und aus Riquewihr? Wenn ihr mögt, erzählt mir nach dem Gottesdienst von eurer Heimat.“
Mathis reagierte abweisend: “Do gibt's net viel zu erzähle. Mir welle hier nur arbeite.“
Überrascht schwieg Anna Maria. Dann sagte sie freundlich: “Es tut mir leid, dass ich euch verletzt habe. Ich hoffe, ihr bleibt nach dem Gottesdienst trotzdem auf einen Teller Suppe.“
Die beiden Frauen sahen betreten zu Boden und gingen dann schweigend in die Kirche. Eine der beiden reichte Anna Maria ihre Hand und ließ sie nicht mehr los. Anna Maria spürte Angst und blieb bei den Familien.
Die Posaune versammelte die Gemeinde, Blockflöte und Traversflöte stimmten ein, begleitet von den Streich- und Zupfinstrumenten. Michaelis wird besonders festlich begangen. Anna Maria spürte ihr Kind sich bewegen und freute sich selbst. Die sonntäglichen Gottesdienste waren die wenigen Momente in ihrem Leben, die sie Kultur erleben konnte. Bei ihren Eltern war sie mit so viel in Berührung gekommen. Paul, an sich ein gebildeter Mann, akzeptierte nur Choräle in der Kirche. Um so wütender war er über die Anweisung des Kurfürsten, dass in allen Kirchen, die seiner Herrschaft unterstanden, der holländischen Mode entsprechende Liturgie gefeiert werden sollte, mit einem großen Orchester und fünf- bis sechsstimmigen Motetten. Bis jetzt hatte Paul es nicht gewagt, öffentlich gegen den Kurfürsten zu wettern, das blieb den familiären Szenen vorbehalten. Seine Predigten waren ein einziges Wettern gegen die Ungläubigen und gegen die Hexen. Und er konnte sich in den bis zu einer Stunde dauernden Predigten richtig ereifern, wer die Ungläubigen und Hexen waren. Anna Maria hatte ihn einmal gewagt zu fragen, ob er denn nicht mit Rücksicht auf die vielen Hugenotten und Pruzzen, die zur Gemeinde gehörten, dieses Wettern sein lassen wolle.
Seine Antwort war gewesen: "Du wagst es, mich zu kritisieren? Unser Herr Luther hatte den Frauen ihren Platz gezeigt und jede, die sich nicht fügen will, als mit dem Teufel im Bund erkannt. Und unser Herr ist auch in meinem Haus Maßstab."
Anna Maria hatte noch gewagt zu sagen, dass für sie nur Gott der Herr sein könne, kein Mensch. Da hatte Paul völlig die Kontrolle verloren und sie geschlagen. Trotz dem sie schwanger war. War ihr Töchterchen, das dann geboren wurde, darum so schnell gestorben?
Anna Maria kniete in der Kirchenbank, lauschte der Motette und dem Instrumentalchor und überlegte, ob sie glücklich war. Sie hatte hier in der Gemeinde ihre Aufgabe. Mehr noch als in Mittenwalde. Aber sonst? Ihr Leben vor ihrer Ehe war so völlig anders gewesen. Und Paul war damals auch anders gewesen, ein gebildeter und verträumter Weltenbummler, der viele Ideen aufnahm. Jetzt war er nur noch stur und beharrte dickköpfig auf seiner Rechtsgläubigkeit. Und nur das zählte noch.
"Diese Glückseligkeit", brüllte Paul jetzt von der Kanzel, "dass wir in der ganzen Mark die päpstliche Finsternis vertrieben haben und das helle Licht der evangelischen Wahrheit angezündet wurde. Jetzt muss nur noch der Antichrist, der durch Calvin in unsere Welt gekommen ist und die Menschen durch vielerlei feine Reden verführt und vom rechten Glauben abhält, zunichte gemacht werden. Und die armen Schäflein, die den Hurensöhnen folgen, weil sie nicht mehr wissen, was richtig ist, müssen wieder zurück geführt werden in den Schoß der wahren Gläubigkeit."
Wieder spürte Anna Maria ihr Baby im Bauch. War sie glücklich? Das Baby schien die Antwort auf die Frage zu erwarten. Nein, glücklich war sie nicht. Sie hatte ihr Leben akzeptiert. Mehr durfte sie nicht erwarten.
Plötzlich nahm sie einen leisen Seufzer neben sich wahr. Die Frau aus Süddeutschland, die lange ihre Hand festgehalten hatte, seufzte. Anna Maria beugte sich zu ihr hinüber, so tuend, als schlage sie ihr das Gesangsbuch an der richtigen Stelle auf.
"Geht es dir nicht gut? Kann ich dir helfen?" fragte sie.
Die Frau schüttelte den Kopf.
"Abber s'Ulli war doch kei Hex. Des gibt' doch gar net", flüsterte die Frau.
Paul lässt sich mal wieder über das Unwesen der Hexen und Hexer aus.
"Wer ist Ulli?" fragte Anna Maria leise zurück.
"Des war mei Bäsle in Riquewir", sagte die Frau, mühsam die Tränen zurückhaltend.
"Wieso war? Ist sie denn schon gestorben?" wollte Anna Maria mitfühlend wissen.
Nun schluchzte die Frau so heftig, dass sie es kaum noch unterdrücken konnte. Gott sei Dank war die Predigt endlich zu Ende und die Zinken und Pommern übertönten alles. Anna Maria legte ihren Arm um sie.
"Verbrannt ham se se", schluchzte die Frau. "Se soll de schlimmscht gsi si. Des war doch a ganz normale Frau wie ich. Gfoldert ham se se. Un vergwaldigt. Ich hab ihr Esse bracht, da het se mir e bissle erzählt. Se het gsagt, mir solle zurück nach Lahr gehe, weil mir sunscht au alle in de Turm komme. Abber in Lahr wäre mir au in de Turm komme. Mir sin scho durch de Umzug nach Riquewir aufgfalle. Un dann der Tag, an dem se verbrannt worde isch. Un se hat so gschrie, es muss schlimm weh tan habe. Mit Zange hen se se grisse un dann lebendig verbrannt. Un keiner het ihr kholfe. Sie het allen kholfe, het immer alles teilt. Niemand het ihr kholfe. Alle ham se zugsehe, wie se glitte het. Erscht als se Asche gsi isch, sind d'Leut gange."
Anna Maria ahnte nun, weshalb die Familien die weite Strecke nach Berlin zurück gelegt haben. Es hatte sich überall herum gesprochen, dass die kurfürstliche Familie keine Inquisition wünschte.
"Seid ihr darum nach Berlin gekommen?" fragte sie leise.
Die Frau nickte: "Mei Name isch scho gfalle. Da het Mathis gsagt, de Kurfürscht würd Leut suche, die in seim Reich arbeite welle. Da simmer mit gange."
"Warum seid ihr aus Lahr weggezogen?" fragte Anna Maria.
"Mir sen doch katholisch, de Nassauer sen Proteschdande. Mir habbe net de Religion wechsle wolle, als de Nassauer nach Lahr komme sin. Mir könne doch nur des glaube, was mir glernd hen", sagte die Frau.
"Merkwürdig, und jetzt landet ihr hier im reformierten Norden", dachte Anna Maria. Das wussten die beiden Familien entweder nicht, oder sie nahmen es in Kauf aus Angst vor der drohenden Hinrichtung in der Heimat.
Anna Maria drückte die Frau herzlich an sich. "Schön dass du hier bist. Hier bist du und seid ihr alle sicher. Wie heißt du eigentlich?"
"Ich bin d'Rita. Mei Schwägerin isch d'Magda. Ihr Tochter isch d'Maria. Und des isch mein Valentin. D' Kleine isch de Niklas."


Sind Sie neugierig, wie es weitergeht?

Das Buch wird in neuer Ausstattung wieder erscheinen im
 Verlag Jörg Dendl

"Die Frau des Liederdichters" auf der Frankfurter Buchmesse
im Rahmen der Präsentation des "Arbeitskreis kleinerer Verlage"
im Börsenverein des deutschen Buchhandels
wurde auch der aktuelle Roman von Petra Roeder vorgestellt
(10. bis 14. Oktober 2007)

Am 15.11.2007 stellte die Autorin ihr Buch in der Stadthalle Kehl bei einer Lesung vor: Plakat

 
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