Mit Aigol auf dem Rummel
Niemand
holt Karl heute ab, aber er kennt den Weg zu der
Betonschanze an der langen Straße. Anka wird schon
dort sein. Zu seiner Verwunderung steht Aigol da.
"Puh, ist das eine Luft. In dieser Abgaswelt hälst du
es aus?" Aigol preßt ein Taschentuch aus weichen
Blättern vor die Schnauze.
Fröhlich klettert Karl zu ihm hoch. "Ich bin von
klein an daran gewöhnt, mir macht es nichts. Wo ist
Anka?" 
"Sie ist mit Anna, Anton und Alech dabei, die Pläne
für unsere Holzbahn zu gestalten. Bis heute
nachmittag müssen sie fertig sein, darum hole ich
dich heute ab."
"Was mache ich eigentlich, wenn weder du noch Anka Zeit
hat, mich abzuholen?" Diese Frage beschäftigt Karl
schon eine Weile, doch bisher gab es keinen Grund, sie
laut zu stellen.
"Weißt du, eigentlich könntest du alleine zu
uns fliegen. Du mußt nur den Mut haben, von dieser
Betonschanze abzuspringen, einen Fuß auf die Spur,
die du in der Luft sehen wirst, setzen und deine Arme
ausbreiten. Alles andere ergibt sich von selbst."
Zweifelnd sieht Karl abwärts, die Autos, die unten
vorbeifahren, sind klein wie Spielzeugautos.
"Keine Angst", sagt Aigol, seinem Blick folgend, "darum
kommt immer jemand, dich abzuholen. Du mußt nicht
alleine nach Atarya. Eigentlich hatte ich dich auch schon
an der U-Bahn abholen wollen, daß du nicht alleine
hier heraufklettern mußt, aber irgendwie habe ich
mich dann vor neugierigen Blicken gescheut. Ich bin mit
deiner Welt nicht so vertraut, wie Anka."
"Hier gibt es auch ganz nette Dinge, die mir viel
Spaß machen. Aber du brauchst Freunde, sonst macht
es doch keinen Spaß."
Nebeneinander sitzen die beiden mit baumelnden Beinen auf
der Betonschanze und sehen in die Stadt.
"Was ist das dort drüben?" fragt Aigol, auf einen
Rummelplatz mit Riesenrad und Achterbahn deutend.
"Das ist unser Sommerfest. Macht viel Spaß,
eigentlich. Aber ich darf nie hin. Mein Vater will das
nicht."
"Was hat er dagegen?"
"Weiß ich, ehrlich gesagt, nicht genau. Er hat nur
gesagt, ich dürfe nicht hin, weil ich nicht das
machen soll, was andere Kinder machen."
"Versteh ich nicht", meint Aigol. "Hättest du Lust,
hinzugehen, mit mir?"
Karl flippt vor Begeisterung aus. "Toll, ich zeige dir den
Sommerrummel und dann gehen wir nach Atarya."
"Genau mein Vorschlag, dann hat Anka den Plan fertig und
Zeit für uns."
Karls Begeisterung ist mit einem Schlag wieder weg: "Aber
ich habe kein Taschengeld. Meine Eltern geben mir keines.
Mutter hat selbst nie welches, Vater will uns keines
geben."
"Sag mal, was hast du eigentlich für komische Eltern?
Aber mach dir keine Gedanken, Anka hat mir Geld von eurer
Welt in die Pfote gedrückt. Sie findet so etwas, wenn
sie durch die Straßen der Stadt bummelt."
Glücklich wandern die beiden los. Aigol setzt sich
tapfer über die merkwürdigen Blicke einzelner
Leute hinweg.
"Was glotzt die Frau nur so, sind ihr die Augen stehen
geblieben?" fragt er laut, auf eine entsprechend starrende
Dame deutend.
Karl macht das großen Spaß: "Ne, die ist
entlaufen und hat jetzt Wahnvorstellungen. Die hält
dich für einen Mausebären, und das gibt es doch
gar nicht."
Aigol lacht schallend. Arm in Arm gehen die beiden weiter.
Am Eingang zum Rummel drückt Aigol Karl einen
großen Geldschein in die Hand, Karl zahlt. Etwas
hilflos sieht der Kassierer auf Aigol, läßt ihn
dann umsonst rein.
Wieder macht Karl sich lachend darüber lustig: "Der
hält dich für meinen Hund und Hunde zahlen
keinen Eintritt."
Wieder lachen die beiden schallend und herzlich.
"Deine Welt ist schon sehr komisch", meint Aigol. "So ganz
werde ich das nicht verstehen."
An dem bunten Treiben hat er Freude. Sie kaufen sich
große Eisportionen, Aigol wird fast schlecht von der
Menge und wundert sich, wieviel Karl in der Lage ist, zu
verdrücken. Und dann die Luftballons. Aigol freut
sich daran fast noch mehr als die vielen kleinen und
großen Kinder. Mit wachsender Begeisterung
läßt er einen Ballon nach dem anderen fliegen,
bis Karl ihn sanft wegzieht.
"Komm", sagt er, "du mußt mit mir jetzt Riesenrad
fahren."
"Oh nein", winkt Aigol schnell ab "mir wird davon nur
schlecht. Ich warte auf dich und freue mich, wenn dir das
Spaß macht."
"Du kennst das doch gar nicht, woher weißt du, ob
dir schlecht wird?"
"Doch, doch, allein vom Zusehen wird mir schlecht. Ich
kann in diese komischen Schaukeln nicht einsteigen. Und
ich glaube, Hunde dürfen so oder so nicht mitfahren."
Letzteres sagt er mit einem frechen Augenzwinkern.
Karl lacht amüsiert. "Na gut, fahr ich allein."
Er rennt los, kauft sich ein Ticket, das er vor Aufregung
beinahe am Schalter liegen läßt. Eine
freundliche Frau mit einem Kind in Karls Alter weist ihn
darauf hin und steigt dann auch zu ihm in den Korb. Als
sie etwas höher gestiegen sind, sieht Karl Aigol
unter einem Baum sitzen. Er winkt, Aigol winkt
zurück. Dann genießt Karl nur noch den
Weitblick, die Menschen unter ihm werden immer kleiner und
dann wieder größer. Und die Stadt wirkt endlos
von oben. Viel zu schnell ist die Fahrt zu Ende, Karl
muß aussteigen. Er rennt zu dem Baum, unter dem er
Aigol gesehen hat und stutzt. Aigol ist nicht da. Ein
leises herzliches Lachen hinter ihm läßt ihn
sich umwenden. Aigol hat wieder eine Handvoll Luftballons
geholt.
"Komm", sagt er zu Karl "laß auch mal welche
fliegen. Dabei darf man sich etwas wünschen."
Karl läßt drei fliegen. Einer soll alle Tiere
in der Stadt grüßen, einer soll alle fernen
Länder besichtigen. Was Karl sich noch wünscht,
sagt er nicht laut.
Plötzlich kommt ein weinendes Kind an ihnen vorbei,
das von seiner Mutter am Arm weggezogen wird.
"Warum darf ich nicht Riesenrad fahren?" jammert das Kind.
"Papa kauft sich ein Händie, darum darfst du nicht
Riesenrad fahren."
Die Frau spricht «Handy» so aus, als
wüßte sie nichts damit anzufangen. "Wärst
du nicht so quengelig gewesen, hätte Papa dich zum
Kaufen mitgenommen. Aber du wolltest unbedingt hierher."
"Dann will ich einen Luftballon", weint das Kind.
"Du hast zum Mittagessen Pommes bekommen, außerdem
machst du den Ballon so oder so gleich kaputt."
Die Frau bleibt stur und zieht das weinende Kind weiter.
Karl sieht vorsichtig Aigol an, dessen Gesicht drückt
blankes Entsetzen aus.
"So´ne kaputten Typen."
"Mein Vater
würde mir auch nichts schenken", sagt Karl leise,
"noch nicht einmal einen einzigen Luftballon."
Tief in Gedanken versunken sehen die beiden zum Himmel.
Wieviele haben Aigol und Karl fliegen lassen? Sie wissen
es nicht mehr. Sie beschließen, nicht länger
auf dem Rummel zu bleiben, sondern nach Atarya zu fliegen.
Still ist der Weg. Das sich stetig ändernde Gesicht
von Atarya erscheint Karl als wunderbare Befreiung von
allem Bedrückenden.
"Daß das Schöne in der Stadt immer mit so viel
Ärger und Streß verbunden ist", faßt
Aigol traurig ihre Gedanken zusammen.
"Ja", sagt Karl.
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