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ATARYA
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eine Geschichte für Kinder -
von Petra Roeder |
Letztes Update: |
![]() ISBN 978-3-940220-19-6 20,00€ |
"Atarya?"
fragt
Karls Mutter. "Das ist ein Land, in dem alle Bewohner einen Namen haben, der mit A anfängt. Außerdem gibt es dort einen Rat, der über alles entscheidet und die Landschaft ändert sich ständig. Ein schönes Land. Ach ja, jetzt gibt es dort eine Holzbahn, die mit Solarenergie betrieben wird." So erklärt es Karl seiner Mutter. Karls Eltern leben in Trennung. Er fühlt sich Zuhause nicht wohl. Und trifft bei seinem Versuch auszubrechen auf Anka, die ihn mit nach Atarya nimmt. Jeden Nachmittag - oder fast jeden Nachmittag - verbringt Karl in dem Land, das sich ständig ändert. Lernt die Ataryanten kennen und Astor, und Alf. Und so viele Bewohner von Atarya. Sein Leben verändert sich grundlegend. |
Die
13 Illustrationen von
Inge Panter lassen die Welt von Atarya lebendig werden. Anka, Aigol,
Asto und viele weitere Bewohner von Atarya können Dir in diesem
Buch begegnen. Und wenn Du willst, sing das "Atarya-Lied" mit - auf der
beiliegenden CD kannst Du noch zwei weitere Lieder hören.
Mit Aigol auf dem Rummel
Niemand holt
Karl heute ab, aber er kennt den Weg zu
der Betonschanze an der langen Straße. Anka wird schon dort sein.
Zu seiner Verwunderung steht Aigol da.
"Puh, ist das eine Luft. In dieser Abgaswelt hälst du es aus?"
Aigol preßt ein Taschentuch aus weichen Blättern vor die
Schnauze.
Fröhlich klettert Karl zu ihm hoch. "Ich bin von klein an daran
gewöhnt, mir macht es nichts. Wo ist Anka?" 
"Sie ist mit Anna, Anton und Alech dabei, die Pläne für
unsere Holzbahn zu gestalten. Bis heute nachmittag müssen sie
fertig sein, darum hole ich dich heute ab."
"Was mache ich eigentlich, wenn weder du noch Anka Zeit hat, mich
abzuholen?" Diese Frage beschäftigt Karl schon eine Weile, doch
bisher gab es keinen Grund, sie laut zu stellen.
"Weißt du, eigentlich könntest du alleine zu uns fliegen. Du
mußt nur den Mut haben, von dieser Betonschanze abzuspringen,
einen Fuß auf die Spur, die du in der Luft sehen wirst, setzen
und deine Arme ausbreiten. Alles andere ergibt sich von selbst."
Zweifelnd sieht Karl abwärts, die Autos, die unten vorbeifahren,
sind klein wie Spielzeugautos.
"Keine Angst", sagt Aigol, seinem Blick folgend, "darum kommt immer
jemand, dich abzuholen. Du mußt nicht alleine nach Atarya.
Eigentlich hatte ich dich auch schon an der U-Bahn abholen wollen,
daß du nicht alleine hier heraufklettern mußt, aber
irgendwie habe ich mich dann vor neugierigen Blicken gescheut. Ich bin
mit deiner Welt nicht so vertraut, wie Anka."
"Hier gibt es auch ganz nette Dinge, die mir viel Spaß machen.
Aber du brauchst Freunde, sonst macht es doch keinen Spaß."
Nebeneinander sitzen die beiden mit baumelnden Beinen auf der
Betonschanze und sehen in die Stadt.
"Was ist das dort drüben?" fragt Aigol, auf einen Rummelplatz mit
Riesenrad und Achterbahn deutend.
"Das ist unser Sommerfest. Macht viel Spaß, eigentlich. Aber ich
darf nie hin. Mein Vater will das nicht."
"Was hat er dagegen?"
"Weiß ich, ehrlich gesagt, nicht genau. Er hat nur gesagt, ich
dürfe nicht hin, weil ich nicht das machen soll, was andere Kinder
machen."
"Versteh ich nicht", meint Aigol. "Hättest du Lust, hinzugehen,
mit mir?"
Karl flippt vor Begeisterung aus. "Toll, ich zeige dir den Sommerrummel
und dann gehen wir nach Atarya."
"Genau mein Vorschlag, dann hat Anka den Plan fertig und Zeit für
uns."
Karls Begeisterung ist mit einem Schlag wieder weg: "Aber ich habe kein
Taschengeld. Meine Eltern geben mir keines. Mutter hat selbst nie
welches, Vater will uns keines geben."
"Sag mal, was hast du eigentlich für komische Eltern? Aber mach
dir keine Gedanken, Anka hat mir Geld von eurer Welt in die Pfote
gedrückt. Sie findet so etwas, wenn sie durch die Straßen
der Stadt bummelt."
Glücklich wandern die beiden los. Aigol setzt sich tapfer
über die merkwürdigen Blicke einzelner Leute hinweg.
"Was glotzt die Frau nur so, sind ihr die Augen stehen geblieben?"
fragt er laut, auf eine entsprechend starrende Dame deutend.
Karl macht das großen Spaß: "Ne, die ist entlaufen und hat
jetzt Wahnvorstellungen. Die hält dich für einen
Mausebären, und das gibt es doch gar nicht."
Aigol lacht schallend. Arm in Arm gehen die beiden weiter. Am Eingang
zum Rummel drückt Aigol Karl einen großen Geldschein in die
Hand, Karl zahlt. Etwas hilflos sieht der Kassierer auf Aigol,
läßt ihn dann umsonst rein.
Wieder macht Karl sich lachend darüber lustig: "Der hält dich
für meinen Hund und Hunde zahlen keinen Eintritt."
Wieder lachen die beiden schallend und herzlich.
"Deine Welt ist schon sehr komisch", meint Aigol. "So ganz werde ich
das nicht verstehen."
An dem bunten Treiben hat er Freude. Sie kaufen sich große
Eisportionen, Aigol wird fast schlecht von der Menge und wundert sich,
wieviel Karl in der Lage ist, zu verdrücken. Und dann die
Luftballons. Aigol freut sich daran fast noch mehr als die vielen
kleinen und großen Kinder. Mit wachsender Begeisterung
läßt er einen Ballon nach dem anderen fliegen, bis Karl ihn
sanft wegzieht.
"Komm", sagt er, "du mußt mit mir jetzt Riesenrad fahren."
"Oh nein", winkt Aigol schnell ab "mir wird davon nur schlecht. Ich
warte auf dich und freue mich, wenn dir das Spaß macht."
"Du kennst das doch gar nicht, woher weißt du, ob dir schlecht
wird?"
"Doch, doch, allein vom Zusehen wird mir schlecht. Ich kann in diese
komischen Schaukeln nicht einsteigen. Und ich glaube, Hunde dürfen
so oder so nicht mitfahren."
Letzteres sagt er mit einem frechen Augenzwinkern.
Karl lacht amüsiert. "Na gut, fahr ich allein."
Er rennt los, kauft sich ein Ticket, das er vor Aufregung beinahe am
Schalter liegen läßt. Eine freundliche Frau mit einem Kind
in Karls Alter weist ihn darauf hin und steigt dann auch zu ihm in den
Korb. Als sie etwas höher gestiegen sind, sieht Karl Aigol unter
einem Baum sitzen. Er winkt, Aigol winkt zurück. Dann
genießt Karl nur noch den Weitblick, die Menschen unter ihm
werden immer kleiner und dann wieder größer. Und die Stadt
wirkt endlos von oben. Viel zu schnell ist die Fahrt zu Ende, Karl
muß aussteigen. Er rennt zu dem Baum, unter dem er Aigol gesehen
hat und stutzt. Aigol ist nicht da. Ein leises herzliches Lachen hinter
ihm läßt ihn sich umwenden. Aigol hat wieder eine Handvoll
Luftballons geholt.
"Komm", sagt er zu Karl "laß auch mal welche fliegen. Dabei darf
man sich etwas wünschen."
Karl läßt drei fliegen. Einer soll alle Tiere in der Stadt
grüßen, einer soll alle fernen Länder besichtigen. Was
Karl sich noch wünscht, sagt er nicht laut.
Plötzlich kommt ein weinendes Kind an ihnen vorbei, das von seiner
Mutter am Arm weggezogen wird.
"Warum darf ich nicht Riesenrad fahren?" jammert das Kind.
"Papa kauft sich ein Händie, darum darfst du nicht Riesenrad
fahren."
Die Frau spricht «Handy» so aus, als wüßte sie
nichts
damit anzufangen. "Wärst du nicht so quengelig gewesen, hätte
Papa dich zum Kaufen mitgenommen. Aber du wolltest unbedingt hierher."
"Dann will ich einen Luftballon", weint das Kind.
"Du hast zum Mittagessen Pommes bekommen, außerdem machst du den
Ballon so oder so gleich kaputt."
Die Frau bleibt stur und zieht das weinende Kind weiter. Karl sieht
vorsichtig Aigol an, dessen Gesicht drückt blankes Entsetzen aus.
"So´ne kaputten Typen."
"Mein
Vater würde mir auch nichts schenken", sagt Karl leise,
"noch nicht einmal einen einzigen Luftballon."
Tief in Gedanken versunken sehen die beiden zum Himmel. Wieviele haben
Aigol und Karl fliegen lassen? Sie wissen es nicht mehr. Sie
beschließen, nicht länger auf dem Rummel zu bleiben, sondern
nach Atarya zu fliegen. Still ist der Weg. Das sich stetig
ändernde Gesicht von Atarya erscheint Karl als wunderbare
Befreiung von allem Bedrückenden.
"Daß das Schöne in der Stadt immer mit so viel Ärger
und Streß verbunden ist", faßt Aigol traurig ihre Gedanken
zusammen.
"Ja", sagt Karl.
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